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Anna POLITKOVSKAJA 2004: Eine schriftliche Bescheinigung für die Morde

Als die Henker in Uniform müde vom Töten waren, stellten sie den am Leben gebliebenen Opfern aus Novye Aldy einen schriftlichen Beweis für ihre Morde aus

2000, kurz vor den ersten Wahlen Putins – fand das Massaker von Novye Aldy statt. In der tschetschenischen Siedlung nahe der Hauptstadt Grozny ermordeten föderale Truppen des Ministeriums für Verteidigung und Inneres (bzw. für innere Verteidigung) 55 unschuldige Menschen. Innerhalb mehrerer Stunden wurden hauptsächlich alte Leute auf barbarischste Art und Weise eliminiert. Das Massaker von NA wurde zum schrecklichsten Ereignis des zweiten Tschetschenienkrieges.

Das Massaker blieb ohne Folgen. Das mühsam eingeleitete Strafverfahren wurde ausgebremst. Die Mörder spazieren immer noch im Freien. Auf die Zeugen, die überlebten, und die Familienangehörigen der Getöteten wird Druck ausgeübt. Sie sind verängstigt. Die Zivilgesellschaft schweigt.

Zurzeit finden wieder die Wahlen von Putin statt. Was denken die Menschen über diesen Mann, dessen Präsidentschaft sie zu Opfern werden ließ? Zumal seine Präsidentschaft ganz auf diesen „Erfolgen eines kleinen siegreichen Krieges“ aufgebaut war. Das soll diese Reportage aus Novye Aldy im Februar 2004 beschreiben.

Das Dossier
NA ist eine Siedlung am südlichen Stadtrand von Grozny. Sie entstand nach der Rückkehr der deportierten Tschetschenen aus dem alten Dorf Aldy, dessen Häuser besetzt waren. Vor dem zweiten Tschetschenien-Krieg gab es hier etwa 10 Tausend Einwohner. Seit Anfang Dezember 1999 war das Gebiet von Novye Aldy ständigen Beschuss und Bombardierungen aus der Luft ausgesetzt, obwohl es hier keine Positionen/Stellungen von militanten Kräften der Gegenseite gab. Bis Anfang Februar 2000 wohnten die Menschen in ihren Kellern und gingen nur um Wasser zu holen nach draußen. In dem Zeitraum bis zum 4. Februar sind durch den Beschuss 75 Menschen ums Leben gekommen.

Am 3. Februar gingen mehrere Dutzende Bewohner von NA unter weißen Fahnen an die Positionen des 15. Infanterie-Regiments, dessen Kommandeur versprach nicht mehr zu schießen.

Am 4. Februar kehrte in die Siedlung völlige Stille ein. Die Menschen gingen aus Ihren Kellern raus und fingen an ihre Häuser zu reparieren.

Morgens, am 5. Februar fing die Säuberung (Säuberung bedeutet, eine militärische Aktion, die zum Aufspüren von Terroristen durchgeführt wird) an. Ein Teil der Truppen marschierte vom Süden in die Siedlung ein. Sie plünderten, aber töteten niemanden. Die Einheiten, die vom Norden kamen, plünderten und mordeten. Viele Menschen wurden um ihr Geld, Goldschmuck- und (Zahn)Kronen erpresst, bevor man sie erschoss. Anfangs haben die Bewohner von NA die Toten nicht begraben. Sie warteten auf die Staatsanwaltschaft. Am 9. Februar haben sie die Opfer vorübergehend beerdigt.

Am 3. März beschloss die militärische Staatsanwaltschaft, kein Verfahren einzuleiten.
Am 5. März leitete die zivile Staatsanwaltschaft von Grozny das Verfahren wegen der Tötung von Zivilisten ein.

Am 20. März behauptete Sergej JASTRSCHEBSKI (für Tschetschenien zuständiger Sprecher von Präsident Wladimir Putin): „Die Informationen über die Beteiligung der Militärs an dem Ereignis in NA haben sich nicht bestätigt“. In der zweiten Aprilhälfte wurden die Exhumierungen und Umbettungen der Toten vollzogen. Im Juli wurde der Fall an die Generalstaatsanwaltschaft im Nordkaukasus übertragen. Damit sind die Ermittlungen zum Stehen gekommen.

Die goldene Hochzeit
Wir betreten den Hof einer kleinen, gebeugten, alten Dame. Ajna ABULHANOVA stellt sich an eine Stelle des Hauses mit der Nr. 135, in der Matasha-Mazaev-Sraße. Hier hatten sie damals die Soldaten gezwungen zu stehen. Sie brachen in den Innenhof ein und reihten alle an diese Wand. Ajna zeigt, wo sich ihnen gegenüber die MG-Schützen aufstellten und ihre Nichte Madina mit ihrem neunjährigen Sohn Islam schikanierten. Sie deutet auf das, was die Soldaten in Brand gesetzt haben – eigentlich alles.

„Uns ist nur ein Sessel übrig geblieben. Sonst gar nichts. Alle Nutztiere wurden verbrannt. Häuser. Getreide. Ich bat die Soldaten: „bringt unseren Hund nicht um“. Ich sagte: „Sie ist besser als jeder Mensch“. Und sobald ich sie darum bat, haben sie sie auf der Stelle erschossen. Was sind das bloß für Menschen?“

Ajna sieht aus wie ein Kind, sie ist kleiner als die Fensteröffnung. Sie bleibt mit den Armen an den Seiten nach unten gerichtet stehen – „so wie damals“. Und ich stehe an derselben Stelle, wo die Soldaten standen, bereit zum Schießen.

„ Wir haben uns für die goldene Hochzeit vorbereitet“ – sagt Ajna.
Ahmed, Ajnas Mann, den sie noch während der Deportation geheiratet hat, mit dem sie hierhin zurückgekommen ist und dieses Haus in NA aufgebaut hat, wollte für das Jubiläum eine schöne Feier.

Später wird Ajna ihren Mann Ahmed beerdigen, genau an ihrem Jubiläumstag – am 9 Februar.
Die Soldaten haben Ajna, ihre Nichte und deren Sohn begnadigt, weil sie von ihrer Einheit in den benachbarten, anschließenden Hof gerufen wurden – doch Ahmed nahmen sie mit dorthin.
Schwarze Schafe

„Hierhin, aus dem Tierstall, gingen unsere schwarzen Schafe. Und starben beim gehen. Ich kann irgendwie deren Geschrei nicht vergessen. Und meine Katze – wie die Soldaten ihr die Gedärme rausrissen“ – erzählt Malika LABAZANOVA.

Es war ihr Hof (Hausnummer 20. am dritten Zimljanskij-Weg), zu dem die Soldaten aus dem Hof gelaufen sind, wo die Greisin Ajna vor den Gewehren stand, und genau hier wurde, ohne zu reden, der alte Ahmed erschossen. Seine Geschwister Zina und Husejn ABDULMEZHIDOV, die wegen des Geschreis nach draußen gelaufen waren, wurden auf die gleiche Weise ermordet.

Malika selbst hat zufällig überlebt. Mit ihr hatte ein Soldat Erbarmen. Sein Vorgesetzter befahl ihm, mit Malika ins Haus zu gehen und sie dort umzubringen. Im Haus suchte Malika Schutz hinter dem Ofen und umarmte die Beine des Soldaten: „Schieß nicht“. Doch der Soldat fing an, in alle Richtungen zu schießen und, als sie, nichts mehr wahrnehmend, mit neuer Kraft aufschrie: „Schieß nicht!“, – sagte er plötzlich leise: „Sei still. Du bist schon tot“.

Als die Soldaten weggingen, nachdem sie drei Leichen hinterlassen und etwas Kompott getrunken haben (i.d.R. ein selbstgemachtes Getränk aus Früchten), von dem sie sich aus Malikas Haus bedient hatten, zündeten sie noch den Stall mit den Tieren an.
„Ich ging raus und sah, wie unsere Kühe aufplatzten. Und sie schrieen so …“ – sagt Malika: „Dieses Geschrei steht mir ständig in den Ohren.“

Malika ist Leiterin des öffentlichen Komitees „Aldy“, das von den Familienmitgliedern der Verstorbenen kurz nach dem Massaker in der Siedlung ins Leben gerufen wurde. Zuerst waren Malika und das Komitee aktiv, sie forderten Aufklärung bzw. ein Verfahren. Dafür erklärten sie sich mit einer Exhumierung einverstanden – was für Muslime sehr schwer ist. Doch dann kam alles zu stehen. Auf Grund dessen, was geschehen ist, nicht in der Lage diese Last zu tragen, erkrankte Malikas Sohn an einer schweren Form der Anämie – Malika hörte mit ihrer sozialen Tätigkeit auf. Nun backt sie in der Siedlungs-Bäckerei Brot, von morgens bis abends, um genug Geld für die medizinische Versorgung ihres Sohnes zu bekommen. Im Haus findet man Armut und Medikamentenverpackungen vor. Als ich an Malikas Haustür klopfte, war sie in der Bäckerei. Nur ihr erkrankter Sohn war zuhause. Er erschrak dermaßen vor einem unbekannten Gesicht, dass er sich — wie sich später herausstellte – direkt an der Tür leise auf den Boden setzte und lautlos in ein Zimmer kroch, nur damit ihn niemand bemerkte.

Malika ist überzeugt, das für die grausame Behandlung, die an ihr verübt wurde, niemand im heutigen Russland bezahlen wird, und kehrt dann im Gespräch mehrmals zu den schwarzen Schafen und den geplatzten Kühen zurück: „Nein, mal ehrlich, gibt es die Möglichkeit sie für Tierquälerei zu bestraffen? Vielleicht müssen wir darauf in den Gesprächen mit der Staatsanwaltschaft plädieren?“

Warmes Blut
Tabarik ARSAMURZAEVA – Witwe seit dem 5. Februar. Ihr Mann Avalu, Jahrgang 1946, und seine Brüder, Sulejman und Musa, entschlossen sich in der Siedlung zu bleiben, obwohl Tabarik darum flehte, wegzufahren – die Männer blieben stur. Auch der Sohn sagte fest: „Den Vater lasse ich nicht allein.“

Als die Soldaten in ihren Hof rein kamen (Haus 110, Matasch-Mazaev-Straße), wussten die Brüder schon, was weiter unten auf der Straße vor sich geht – sie sahen, dort liegen Leichen. Zu viert stiegen sie in den Keller unter der Sommer-Küche hinab. Als die Soldaten das Haus stürmten, waren sie in Sorge, dass in den Keller eine Granate geschmissen wird, daher beschloss der Sulejman (der jüngste der Brüder und unverheiratet) rauszugehen und den Schlag auf sich zunehmen. Im letzten Moment stieß Avalu Sulejman zurück. Er ging raus und wurde auf der Stelle erschossen. Nach Avalu beschloss Tabariks Sohn rauszugehen – es war klar, dass die Soldaten warten, jedoch wurde der Junge dieses Mal von Sulejman beiseitegeschoben. Er wurde ebenfalls aus nächster Nähe erschossen. Danach folgte eine Pause: die Militärs waren von dem wohlhabenden Haus abgelenkt und fingen an es zu plündern…

„Sie waren alle betrunken“ – erinnert sich Tabarik. – „Und vor Blut außer sich. Mir haben sie zum Beispiel alle schlechten Gabeln und Löffel zurückgelassen, doch die silbernen mitgenommen. Also verstanden sie was davon. Sie rissen auch die Goldkronen heraus.“

Solange die Soldaten die Wertsachen herausholten, schleppte Musa leise die Körper seiner ermordeten Brüder zu dem Kellereingang und verdeckte diesen. So haben Musa und der Sohn von Tabarik den ganzen Tag verbracht. Bis die Soldaten weg waren tropfte das Blut von Avalu und Sulejman direkt auf Musa und den Jungen. Mehrere Stunden lang. Der Keller war schmal, sodass man nirgendwohin ausweichen konnte. Musa starb wenig später: Er fing an zu Trinken und erlag einem Herzinfarkt, kurz nachdem er 50 wurde. Nach dem sie drei Söhne hintereinander verlor, verstarb im Anschluss die Schwiegermutter Halipat sowie ihre Schwester Rukijat, die mit ihnen zusammenlebte. Der Sohn von Tabarik, auf den das warme Blut seines Vaters und Onkels tropfte, die wiederum ihn und seinen Onkel Musa gerettet haben – lebt zwar, ist aber dennoch tot.

„Er regt sich nicht auf, weint nicht, schreit nicht“ – erklärt Tabarik. – „Er reagiert auf nichts mehr. Er hat sich davon nicht erholt.“

Die schriftliche Bescheinigung
Woher kamen diese Tiere? Offiziell heißt es, dass es unbekannt ist. Es gibt bloß ein Dokument, das zufällig aus dem verschwiegenen Kreis der Strafverfolgung ausbrach. – das Papier, unterzeichnet von dem stellvertretenden Militär-Staatsanwalt des nordkaukasischen Kriegsbezirks S. DOLZHENKO. Im Wunsch sich jeglicher Verantwortung für die Ermittlungen im Fall des NA-Massenmordes zu entziehen, teilte S. DOLZHENKO der Menschanrechtsorganisation „Memorial“ mit, dass die Henker nicht zu seiner Kompetenz gehören. Denn die „Säuberungs“-Operation in NA am 5. Februar 2000, führten Mitglieder der OMON-Einheiten (russ. Отряд Милиции Особого Назначения/ Otrjad Milizii Osobowo Nasnatschenija – „Einheit der Miliz besonderer Bestimmung“) der Hauptabteilung für Innere Angelegenheiten des St. Petersburger und Rjasaner-Bezirks, durch. (kurz gesagt, Spezialeinheiten der St. Petersburger und der Rjasaner Polizei)

Also, erstens, die St. Petersburger und die Rjasaner Milizbeamten. Beide, merken wir unsererseits an, wurden „für Tschetschenien“ mit Orden und Medaillen geehrt.

Und zweitens? Die Wahrheit DOLZHENKOs. Der Militär-Staatsanwalt versuchte sich lediglich von seinem Anteil an der Untersuchung zu entfernen. Denn er wusste genau, dass einer der Betrunkenen Leutnants den Opfern eine schriftliche Bescheinigung hinterlassen hat. Wie merkwürdig das auch klingen mag. Und jetzt werden er und seine Abteilungszugehörigkeit in aller Ewigkeit ganz sicher nicht vergessen.

Diese Bescheinigung ist ein Beweis. Die Antwort darauf, wer Schuld hat. Das Original bewahren die Familien der Verstorbenen wie einen geheimen Schatz auf. Sie zeigten das Papier den Mitarbeitern der Staatsanwaltschaft, als diese in der Siedlung vorbeischauten. Jedoch war das den „Ermittlern“ gleichgültig. Die Bescheinigung haben sie nicht mitgenommen, und so haben die NA-Bewohner beschlossen, sie für die Zukunft aufzubewahren. Bis zu dem Tag, an dem die unabhängigen Untersuchungen anfangen, an die hier kein Mensch glaubt. Aber … sie bewahren sie auf:

Hier der Inhalt der Bescheinigung: „Jungs!!! Fast diese Bewohner nicht an. Hier war die 6. motorisierte Schützenkompanie des 245. Regiments…“ (und Unterschrift). Das heißt: Armeemitglieder – Banditen des Ministers IWANOV (derzeit Verteidigungsminister).

Wie ist dieses Papierstück überhaupt ans Licht gekommen?
Am Morgen des 5. Februar gingen der 52-jährige Jakub MUSAEV und sein Neffe, der 34-jährige Sulejman, mit der Schubkarre zum Wasser holen. Sie lebten in der Voronezhskaja-Strasse. Wie die Mehrheit der Bewohner von NA wussten sie noch nicht, dass Soldaten auf dem Weg in die Siedlung waren. Um ca. 11 Uhr morgens waren sie schon auf dem Rückweg. Sie bewegten sich auf der Hopenskaja-Straße, die senkrecht zur Voronezhskaja-Str. verläuft. Es blieben nur noch wenige Schritte bis zu der Kurve – und sie wären zuhause. Doch die Kreuzung war voller Militärs. Vom Haus des Abdula SCHAIPOV (No. 27), bis zu der Hopenskaja-Str. Sie befahlen den MUSAEVs, die Schubkarre stehen zu lassen und nach vorne zu gehen.

In diesem Moment, im Hof (Haus-Nr. 27) betrank sich der Kommandeur der Einheit, die auf die Hoperskaja-Str. über die Matasch-Mazaev-Str. (Hauptstraße der Siedlung, verläuft parallel zu der Voronezh-Str.) kam. Dieselbe Einheit, die schon die Brüder ARSAMURZAEV im Haus (Nr. 110) auf der Matasch-Mazaev-Str. getötet haben und den Mann von der alten Ajna. Sie erschossen auch Kajpa, Mutter der 9-jährigen Luisa, direkt vor den Augen des Mädchens im Hof vom Haus mit der Nr. 152 auf der Matasch-Mazaev-Str. Danach gaben sie dem Kind eine Dose Fleisch und befahlen ihr, nicht zu schreien. Weitere Opfer derselben Soldaten wurden der einjährige Hasan ESTAMIROV zusammen mit seiner im neunten Monat schwangeren Mutter Toita und sein Vater und Opa, die im Haus Nr.1 auf der Podolskaja-Str. lebten… Augenzeugen sagen: Sie haben getötet und dann alles mit Wodka heruntergespült, den sie mitgebracht hatten – der Wodka war in den BTRs (ist eine Abkürzung für Bronetranpartör – zu deutsch: gepanzerter Transporter/Schützenwagen).

Diese Soldaten also gaben den MUSAEVs den Befehl, nach vorne zu gehen. Soldaten, die vollkommen von Wodka und Blut verrückt geworden waren, die wiederum von einem betrunkenen Leutnant kommandiert wurden, der im Hof von Abdula saß und den Hausherren an die Wand gestellt hatte. Vor den Toren stand die Wache. Soldaten patroulierten entlang der Häuser bis zur Kreuzung der Hoperskaja- und Voronezhskaja-Str.

Die MUSAEVs, Jakub und Sulejman, wurden aus nächster Nähe erschossen, als sie mit dem Körper von Viktor auf derselben Höhe waren. Sie wurden dann auch so aufgefunden – nebeneinander.

Die Hinrichtungen geschahen so: die Soldaten schrien dem derzeit trinkenden Kommandeur zu, der brüllte ohne hinzugucken zurück: „Erschießen!“. Auf der Straße lag schon die Leiche von Viktor TSCHEPTURA, er war aus Groznyj, zog sich vom Krieg zurück und lebte vorübergehend im Haus Nr. 17 der Hoperskaja-Str. Viktor ging vor die Tür, kurz bevor die MUSAEVs mit dem Karren erschienen sind, er lief den Soldaten mit den Worten entgegen: „Ich – bin einer von euch“. Die hielten eine Rücksprache mit dem Kommandeur, der fragte: „Ukrainer?“. Sie befahlen Viktor nach vorne zu gehen und schossen ihm in den Rücken. Seine Leiche haben die Militärs einen Monat nach den Ereignissen ausgegraben und mitgenommen – es ist nicht bekannt wohin.

Und jetzt zu der Bescheinigung. Für die Kompanie war es an der Zeit nach vorne zu gehen. So schenkte beim Verabschieden der erweichte Kommandeur dem Abdula SCHAIPOV nicht nur sein Leben, bevor er im Gegenzug sein Geld und das Gold seiner Frauen an sich nahm, sondern gab im auch diese „Schutzurkunde“. Dabei erklärte er, dass diese den anderen Soldaten vorgezeigt werden soll, die nach ihnen kommen werden – und jene werden nicht töten. Die 6. Kompanie ging nach ihrem Halt an der Hoperskaja-Str. weiter die Straße hoch – um aufs Neue zu morden. Und so erschossen sie zum Beispiel zwei weitere MUSAEVs – Umar und Abdurahman, Jahrgänge 1928 und 1949, die sich entschlossen hatten nach draußen zu gehen, weil Sulejman und Jakub mit dem Wasser nicht zurückkamen…

„Sagen Sie mir, hätte man die Mörder finden können, zumindest durch diese Bescheinigung? Sie (die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft der Tschetschenischen Republik) verlangten von uns Bewohnern Phantombilder von maskierten Menschen … und wenn wir das nicht konnten, dann zuckten sie bloß mit den Schultern, nach dem Motto: Es gibt dann keine Zeugen…“ wiederholt mehrmals Ibrahim MUSAEV, Vater des Hingerichteten Sulejman. Die anderen verstorbenen MUSAEVS waren seine Brüder.

Ibrahim ist ein kluger und ruhiger Mensch, der jedoch jeglichen Glauben in die Gerechtigkeit und die Zukunft verloren hat. Nach dem fünften Februar ist in ihrer Familie auch noch Hasan gestorben, der Cousin von Ibrahim. Als er sah, dass sein Enkel ermordet war, ging er auf die Soldaten zu und schrie: „Na, ihr Huren, schießt doch!“. Und die Soldaten erhoben ihre Gewehre. Jedoch hat einer von ihnen Hasan auf den Boden geworfen, ihm die Gewehrmündung in das Ohr gesteckt, mit den Worten: „Gut, du kannst leben, bleib neben deinen Leuten liegen und quäle dich, weil du überlebt hast“. Der alte Hasan blieb noch lange dort liegen, dann hat er alle beerdigt und starb etwas später.

Warum sind wir nicht „Kursk“?
„Wir hören von „Kursk“ – und dass man den Leuten geholfen hat, als eine andere Tragödie passiert ist – man hat den Leuten auch geholfen. Bei uns aber – nichts“ – sagt Malika LABAZANOVA, Vorsitzende des öffentlichen Komitees „Aldy“.

Fakt ist: Unter den Angehörigen der verstorbenen NA-Einwohner gibt es nicht eine Person, die offiziell als Opfer anerkannt wurde. Generell hat niemand irgendeine Entschädigung bekommen für die Ermordeten, für die abgebrannten Häuser und anderes Eigentum. Die rechtlichen Folgen, dieses vollkommen verantwortungslosen und gleichgültigen Handelns der Staatsanwaltschaft, sind aber in der Tat konkret. Es sind nicht die Emotionen, sondern das hungrige Leben der vielen Menschen, die kurz vorm sterben sind. Zum Beispiel das der Waisen.

„Ich habe jetzt acht Kinder von meinem erschossenen Bruder, Waha ZHAMBEKOV, für die ich sorgen muss, und seine Frau, die psychisch krank wurde. Die Kinder sind eines kleiner als das andere“ – sagt Zina DAKAEVA. „In der Familie gibt es sonst niemanden. Ich sehe keine Hilfe. Ich kann noch nicht mal das Gehalt von Waha bekommen, das man ihm schuldet, er arbeitete in der Groznyer Ölraffinerie.“

Warum also? Warum ist die Generalstaatsanwaltschaft nicht dazu bereit das Offensichtliche zu untersuchen?

Warum überhaupt so etwas in unserer Zeit und unserem Raum passieren konnte – darüber wurde schon viel zu viel geschrieben, um es nochmal zu wiederholen. Es gab die ersten Wahlen, PUTIN hat noch niemand gekannt, also brauchte man einen kleinen siegreichen Krieg – das wurde organisiert, indem man die innertschetschenischen Probleme und die Einstellung der Armee nutzte. Aber warum gab es keine effektiven Ermittlungen?

Der Hauptgrund, meiner Meinung nach, ist, dass so eine Untersuchung nicht politisch-zweckmäßig ist. Da ist es praktischer, die im frei herumlaufenden Vollstrecker nicht zu bemerken, anstatt sie dem Gericht zu übergeben. Bis zum März im Jahr 2000, bis zu den ersten Wahlen brauchte man nur „Erfolge“ im Krieg. Die Administration dafür gesorgt, dass von den Misserfolgen und Hinrichtungen niemand etwas mitbekommt.

Allerdings haben die Behörden den Fall BUDANOV als ausreichend für das Gleichgewicht zwischen „Diktatur“ und „Erfolgen“ angesehen – damit man weiterhin das Erscheinungsbild eines aufgeklärten Juristen auf dem Thron bewahren kann sich nicht mit der Armee streiten muss. Zudem hat man den Fall BUDANOV mit ein paar Gerichtsverhandlungen verdünnt, aber die Hinrichtung von NA – das ist zu viel… Darum hat man den Fall eben ausgebremst. Und wir haben es zugelassen.

Weil auch uns schreckliches zugestoßen ist. Im Jahr 2000 haben wir erst gelernt diese Tendenz (alles muss politisch-zweckmäßig sein) zu sehen, und haben uns darum aufgeregt, weil die politische Zweckmäßigkeit immer öfter die Realität unterdrückt. Heute, kurz vor März 2004, haben wir, die Gesellschaft, uns dermaßen unter dem Einfluss der vierjährigen PUTIN´schen Regierungsperiode verändert, dass wir uns wundern, wenn in der Gesellschaft irgendetwas passiert oder Menschen es schaffen, irgendetwas zu erreichen, das außerhalb der politischen Zweckmäßigkeit liegt.

Anna POLITKOVSKAJA am 05.02.2004 in der Novaja Gaseta

Den Originalartikel finden Sie dort unter РАСПИСКА ЗА УБИЙСТВА

Übersetzung: Andreas ENGELHARDT

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Filed under: Mord, Russland

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