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Blog: Dokumentationszentrum Couragierte Recherchen und Reportagen

Interviews zu Recherchen in Tschetschenien

Am 7. Oktober 2006 wurde die russische Journalistin Anna Politkowskaja in Ihrer Wohnung in Moskau ermordet. Zuletzt arbeitete sie an einem Bericht für die Zeitung Nowaja Gazeta über die unmenschlichen Folterverbrechen innerhalb Tschetscheniens.

Politkowskaja schrieb, wie sie selbst es nannte, gegen das Einlullen der Gesellschaft. Ihre recherchen setzten dort an, wo Ermittlungen wider jeder Vernunft eingestellt wurden.

Auch Tomas Avenarius (Süddeutsche Zeitung) und Florian Hassel (Frankfurter Rundschau) berichteten aus den Kriegsgebieten Tschetscheniens. Die Sicherheitsmechanismen und das brutale Vorgehen der Regierung Kadyrows gegen recherchierende Journalisten haben sich bis heute weiter verschärft. Nur wenige Informationen erreichen uns noch.

Für Ihre Courage sowie ihre Arbeiten und auch das aufgenommene Wagnis erhielten beide Autoren im Jahre 2003 den Wächterpreis der Tagespresse. Im DokZentrum für couragierte Reportagen finden Interessenten neben den Interviews zur riskanten Mission der beiden Journalisten, ein ausführliches Portrait zu Anna Politkowskaja, eine Chronologie des Tschetschenienkonflikts, Berichte und eine Zustandsskizze zur Pressefreiheit in Russland. MEHR

(mah)

Dossier TSCHETSCHENIEN

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Interview mit Mainat KOURBANOVA

von Erena Paul

Eine ehemalige ‚Freundin’ bzw. Arbeitskollegin, Mainat KOURBANOVA (Mainat ABDULAJEVA), ehemals Korrespondentin der Novaja Gazeta, erzählt uns über Anna POLITKOVSKAJA. Mainat KOURBANOVA (Mainat ABDULAJEVA) lebt zur Zeit in Deutschland.

vsvet (ansTageslicht.de): Mainat, es ist aus den Medien bekannt, dass Sie und Anna POLITKOVSKAJA bei der selben Zeitung arbeiteten und die ganze Zeit gute Freundinnen waren?

Ich kann leider nicht sagen, dass wir gute Freundinnen waren. Soweit ich weiß, hatte Anna keine Freunde unter Journalisten. Ihre besten Freundinnen waren Frauen, mit denen sie zusammen studierte oder mit denen sie das ganze Leben bekannt war. Es wäre für mich eine große Ehre, ihre Freundin genannt zu werden, aber wir waren gute Bekannte seit der Zeit als ich bei der Novaja Gazeta im Februar 2000 anfing. Wir trafen uns sehr oft in Moskau, Tschetschenien und Inguschetien unter unterschiedlichen Umständen.

vsvet (ansTageslicht.de): Könnten Sie uns erzählen, was für eine Persönlichkeit Anna POLITKOVSKAJA war?Hatte sie irgendwelche Ängste oder Träume? Was waren die Auslöser der Dinge, die sie gemacht hatte und die letztendlich zum traurigen Ende führten?

Zum ersten Mal habe ich POLITKOVSKAJA im Oktober 1999 getroffen. Damals wurde die Tschetschenische Republik bereits von den Russen okkupiert und man durfte weder nach Tschetschenien einreisen noch ausreisen. Die Flüchtlinge, die versucht hatten, das Territorium zu verlassen, wurden von der Luftarmee bomdardiert. Genau in dieser Zeit war ich nach Inguschetien gereist und konnte nun nicht in Tschetschenien zurück. An diesen unruhigen Tagen haben sich Tausende von Menschen zusammengedrängt: einige wollten Tschetschenien verlassen, die anderen nach Tschetschenien hinein. Selbstverständlich waren an der Grenze ganz viele Reporter, Journalisten sowohl aus Russland als auch aus dem Ausland.

Plötzlich habe ich eine Frau gesehen, die sehr aufmerksam den Flüchtlingen zuhörte. Die Menschen, die einen Kreis um sie gebildet haben, waren sehr aufgeregt und unruhig, da ein russischer Journalist – oder einfach „Russen“ – für sie oft die Verkörperung von Kriegmaschinerie oder Macht darstellten. Es war deutlich zu sehen, dass die Frau noch jung war, aber ihre Haare waren bereits grauweiß. Mich hatte die Aufmerksamkeit der Frau regelrecht erschüttert, ihr Gesichtsausdruck, mit dem sie den Menschen zuhörte. Es gibt Gesichter, in denen du gar nichts siehst und es gibt Gesichter, die zeigen Charakter, Schicksal und starken Willen. Genau so ein Gesicht hatte Anna. Unser nächstes Treffen fand in der Redaktion der Novaja Gazeta statt.

Aus Annas Publikationen war zu sehen, wie stark sie wirklich war, weil nur wenige konnten immer wieder und wieder nach Tschetschenien gehen – eben wegen der Bedrohungen und Verfolgungen, Beleidigungen und schmutzigen Veröffentlichungen, die von den Kremlhörigen Massenmedien veröffentlicht wurden. Nur ein starker Mensch, der in seinen Tiefen von der Schuld der Täter überzeugt ist, kann unter solchen Umständen weiter arbeiten.

Wenn ich mich an Anna erinnere, dann denke ich als erstes an ihr helles und gutherziges Lachen. Sie hatte sich nicht vom Tschetschenischen Krieg verbittern lassen. Vor ihrem Arbeitsplatz in der Redaktion standen immer oft viele Menschen, den sie immer versuchte zu helfen. Oft waren es Menschen, die ihre letzte Hoffnung auf die Rechtssprechung verloren hatten. Komischerweise haben mehrere von ihnen ihre Hoffnungen auf Anna POLITKOVSKAJA gesetzt, dass sie über ihre Geschichte schreibt oder wird irgendwann schreiben wird. Anna war für sie eine Person, der man immer vertrauen konnte und die Person, der die Schicksale nicht gleichgültig waren.

Zum Schluss möchte ich sagen, dass Anna als Fachspezialistin, als Kriegsreporterin ehrlich, direkt und hart war. Als Frau war sie ein sehr netter und angenehmer Mensch.

vsvet (ansTageslicht.de): Konnte man Anna POLITKOVSKAJA auch als lebensfreudig bezeichnen?

Ihre Lebensfreudigkeit war von einer besonderen Art, weil es jedem, der so viel vom Tod gesehen hat und der es jeden Tag mit Unglück und Kummer zu tun hat, sehr schwer fällt, lebenslang lebensfreudig zu bleiben. Ein Mensch, der ein solches Leben führt, freut sich auf jeden neuen Tag. Er schätzt das Leben und alle schönen Momente, die ihm das Leben gegeben hat. Ich denke, in den letzten Jahren war es ihr eindeutig klar, dass sie auf der „Spitze des Messers“ ging und sie freute sich über jeden weiteren Tag ihres Lebens. Anna hatte 2 Kinder, die sie sehr liebte, und sie wartete ungeduldig auf die Enkelkinder. Als sie getötet wurde, war ihre Tochter bereits schwanger. Das Mädchen, das nach dem Unglück zur Welt kam, wurde auch Anna genannt.

vsvet (ansTageslicht.de): Es ist bekannt, dass Anna POLITKOVSKAJA in Tschetschenien mehr als 50 Male gewesen war. Waren Sie mit Annaauf einer ihrer Reisen zusammen? Können Sie uns vielleicht über ein „Abenteuer“ erzählen?

Ich arbeitete in Tschetschnien als Korrespondentin der Novaja Gazeta. Deswegen tauchte ich in Moskau selten auf, zwei bis drei Mal im Jahr. Ich und Anna trafen uns bei ihren zahlreichen Besuchen immer nur in Tschetschenien.

Einmal im Jahre 2002, als Anna zufällig in Tschetschenien war, wurde im Achhoj-Martan Gebiet ein Grab mit mehreren Leichen gefunden. Die Regierung hatte natürlich versucht, dies nicht öffentlich zu machen. Trotzdem fuhren wir in diese Siedlung. Die Einwohner haben uns den Ort gezeigt, wo die Leichen mit den auf dem Rücken zusammengebundenen Händen gefunden wurden. Die Toten wurden nach tschetschenischer Tradition in die lokale Moschee gebracht. So wurde es immer gemacht, da es fast immer unmöglich ist, die Leichen zu identifizieren. Die Frauen, die sich dort auf der Suche nach ihren Söhnen oder Verwandten befanden, heulten.

Ich und Anna waren wahrscheinlich die Einzigen, die nicht weinten. Und wenn ich einmal von einem Bekannten gefragt wurde, warum ich nicht weinte, dann antwortete ich, dass wenn ein Kriegsjournalist heult, dann kannst Du gar nicht weiter arbeiten, der Weinkrampf ergreift dich und lähmt deine Willenskraft. Ich weiß nicht, wie es Anna ging, aber ich weinte nachts, weil ich mir sicher war, dass ich eines Tages auf in einer solchen Grube unerkannt aufgefunden würde.

vsvet (ansTageslicht.de): Sie haben bereits die Situation an der Russisch-Tschetschenischen Grenze erwähnt. Es war nicht für jeden Journalisten möglich nach Tschetschenien einzureisen. Man wurde an jedem Kontrollpunkt nach Papieren oder einer Akkreditierung gefragt. Und es war wahrscheinlich nicht immer möglich, die Akkreditierung zu bekommen. Was brauchte denn ein Reporter, um nach Tschetschenien einzudringen?

Als Erstes muss man sagen, es ist lebensgefährlich. Aber wenn ein Mensch wirklich nach Tschetschenien wollte, dann war es immer möglich, sogar in den schweren Zeiten. Der Zeitraum, den ich bereits erwähnt habe, war der Anfang des Krieges, als noch keine aktiven Kriegsoperationen geführt wurden. Die russische Armee hatte nur mit der Okkupierung von Tschetschenien im Ring angefangen. Selbstverständlich wurde Groznyj bereits bombardiert. Die Flüchtlingskolonnen wurden auch bombardiert. Laut Befehl durfte kein Mensch in die Tschetschenische Republik einreisen oder umgekehrt, das Territorium verlassen.

Bis heute ist es offiziell verboten, dass Journalisten ohne staatliche Akkreditierung Tschetschenien besuchen. Aber sogar in den schwersten Zeiten konnten sie die Republik besuchen, wenn sie an jeder Blockstelle bestachen. Damit man es sich besser vorstellen kann, muss man das Niveau der Korruption innerhalb der russischen Armee kenne die in Tschetschenien Ordnung schafft. Nach jedem Kilometer oder zweien befinden sich Blockstellen, an denen man einfach in den Pass 10 bis 20 oder maximal 100 Rubel steckt. Die Kontrollmänner nahmen das Geld raus und wünschten einem „Gute Reise!“ Alle Journalisten, die irgendwann in Tschetschenien waren, wissen es gut.

Damals gab es in der Tschetschenischen Republik weder den Flughafen noch den Eisenbahnbahnhof. Journalisten und auch Anna POLITKOVSKAJA flogen bis Inguschetien. Von dort weiter mit dem Auto. Wenn ein Journalist nicht erkennen lassen wollte, dass er oder sie ein Journalist ist, dann haben sie einfach gesagt, dass man den Pass zuhause vergessen hatte und man gab dierkt in die Hand der Kontrolle 100 Rubel. Das war eine fixe Summe für alle, die ihre Papiere nicht zeigten.

Später wurde Anna POLITKOVSKAJA sehr bekannt in dieser Region. Sie hatte in Tschetschenien bereits viele Freunde. Am Flughafen wurde sie immer von jemandem abgeholt, damit sie selbst kein Bestechungsgeld an den Blockstellen übereichen musste. Für eine bessere Konspiration trug sie wie andere Frauen in Tschetschenien ein Kopftuch. Anna hat immer bei unterschiedlichen Leuten übernachtet und war überhaupt sehr vorsichtig in Tschetschenien. Die Einwohner haben ihr ständig empfohlen, was sie machen sollte und sie folgte den Empfehlungen genau.

vsvet (ansTageslicht.de): Der Name von Anna POLITKOVSKAJA ist ja bekannt in der westlichen Welt. In den europäischen Massenmedien wird ihr Tod als Tod der Demokratie bezeichnet. War Anna in Russland populär? Verbindet man ihren Tod auch mit einer Verletzung der Demokratie in der Russischen Föderation?

Anna POLITKOVSKAJA war sehr bekannt in Russland. Es ist fehlerhaft zu denken, dass sie nur wegen ihrer Arbeit in Tschetschenien populär war. In den letzten Jahren schrieb sie ganz viel über „ die Dedovschina“ (die Schikanierung jüngerer Soldaten durch die Altgedienten Oberen). Sie schrieb auch über Veteranen, über Invalide des Tschetschenischen Kriegs. Nach ihrer Rückkehr werden alle diese Leute nutzlos für den Staat. Sie finden keinen Job, keiner kümmert sich um ihre Rehabilitation in der friedlichen Welt. Der Staat gibt kein Geld für Prothesen. Der Staat hat diese jungen Menschen als Kanonenfutter ausgenutzt und vergessen.

PUTIN sagte einmal in Deutschland, Anna wäre in Russland nicht einflussreich und schon gar nicht populär gewesen. Das stimmt aber nicht. Anna POLITKOVSKAJA erregte viel Hass in den offiziellen Strukturen der Russischen Föderation. Es wurden insgesamt 39 Strafprozesse gegen ihre Publikationen und Veröffentlichungen geführt. Glauben Sie mir, man muss sehr einflussreich sein, bevor sich ein solcher Staat mit einer Person anfängt zu ‚beschäftigen’.

vsvet (ansTageslicht.de): Wurde POLITKOVSKAJA ihrer Meinung nach ein Vorbild für Journalisten?

Es ist offensichtlich, dass sie für viele ein Vorbild war. Seitdem Vladimir PUTIN am Steuer der Macht sitzt, haben sich selbst viele Medien zum Teil oder komplett zensiert. Anna war eine von wenigen, die trotz aller Schwierigkeiten weitermachte. Dort, wo viele aufgegeben haben, weil sie ihren Arbeitsplatz, ihren Wohlstand oder die Familie nicht riskieren wollten, schrieb sie weiter.

Der Fakt, dass sie mehrmals für journalistische Preise nominiert wurde, spricht auch für ihre Person. Sie wurde Preisträgerin des Journalistenverbanda Russlands und erhielt den SCHAROV-Preis. Alle diese Preise werden von Journalisten ausgelobt und verliehen.

Und wenn ihre Kolleginnen und Kollegen selbst aufgehört haben, hatten sie trotzdem großen Respekt vor ihr und ihrer Tätigkeit.

vsvet (ansTageslicht.de): Ist Ihnen etwas über den Ermittlungsstand der Novaja Gazeta bezüglich des Todes von Anna POLITKOVSKAJA bekannt? Beobachten Sie von hier aus die allgemeine Ermittlung des Mordfalls?

Klar beobachte ich die Ermittlung. Die Sache ist nur, dass es sowohl in der westlichen als auch in den russischen Medien zu viele Spekulationen und Provokationen über die Ermittlung zu diesem Thema gibt. Vor einigen Monaten hat die Zeitung Komsomolskaja Pravda mitgeteilt, dass es über einen Satelliten gelungen sei, bestimmte Autokennzeichen zu identifizieren. Zwei Tschetschenen befinden sich bereits hinter Gittern.

Die Position der Novaja Gazeta besteht darin, dass sie über die Ergebnisse in der eigenen Zeitung nicht berichtet. Die vorhandene amtliche Ermittlungsgruppe möchte wirklich zu positiven Ergebnissen kommen und die Mörder und den Auftraggeber finden. Und jede Veröffentlichung in den Medien würde nur der Ermittlung schaden.

Was die selbst geführten Ermittlungen der Novaja Gazeta angeht, so tauschen die Redaktion und die staatliche Ermittlungsgruppe ihre Informationen gegenseitig aus. Es werden insgesamt 2 Versionen geprüft und untersucht.

vsvet (ansTageslicht.de): Glauben Sie daran, dass die Täter gefunden werden oder passiert mit dem Fall POLITKOVSKAJA das Gleiche, wie mit den vielen Dutzenden anderer Journalisten in Russland?

Ich sage ehrlich, ich glaube nicht daran. Ich denke, dass es irgendwann rauskommt und der Täter wird bestraft, aber nicht jetzt oder in der näheren Zukunft. Das ist nicht die Meinung der Novaja Gazeta, sondern meine eigene.

vsvet (ansTageslicht.de): Sie arbeiten zurzeit an Ihrem Erinnerungsbuch. Wird das Buch die Ereignisse des Zweiten Tschetschenischen Kriegs umfassen?

Ja, zum Größtteil sind es Ereignisse des Zweiten Tschetschenischen Kriegs, die ich selbst miterlebt hatte. In diesem Sinne ist das Buch kein Reporter-Buch, sondern eine Sammlung von Essays. Es basiert auf meinen Erinnerungen an die Menschen, die ich kannte und liebte und die im Krieg umgekommen sind oder spurlos verschwunden waren. Das Buch zeigt, wie der Krieg in Tschetschenien durch alle Generationen geht.

vsvet (ansTageslicht.de): Wo wird Ihr Buch veröffentlicht? In Deutschland oder in Russland?

Ich denke in Deutschland. Aber die Frage mit der Veröffentlichung ist noch offen. In Russland eher nicht. Zum einen wegen der Sicherheit meiner Verwandten. Das Problem ist, dass die Straforgane immer deine empfindlichsten Stellen finden und oft sind es die Verwandten und Geliebten.

vsvet (ansTageslicht.de): Haben Sie während Ihres Studiums davon geträumt, Kriegsreporterin zu werden oder wollten Sie über etwas anderes zu schreiben? Zum Beispiel über Kultur, Politik, Wirtschaft…?

Bereits mit 16 habe ich mich in der Journalistik gefunden. Ich schrieb damals über Musik und war Musikkorrespondentin der tschetschenischen Jugendzeitung. Beim Fernsehen moderierte ich ein Autorenprogramm das „Wort“, wo ich mich mit Künstlern, Schriftstellern und anderen Leuten zu verschiedenen Themen unterhalten habe. Und natürlich hatte ich es nie vor, über Kriege zu berichten. Ich wünschte mir im Prinzip zwei Sachen: Schriftstellerin zu werden und viel um die ganze Welt zu reisen. Aber wenn ein Krieg kommt und du als Journalist schweigst, dann ist es die Frage deines Gewissens.

vsvet (ansTageslicht.de): Planen Sie irgendwann in Zukunft über etwas anderes als den Krieg zu schreiben?

Ich denke, es ist nicht mehr möglich. Egal, worüber ich schreibe, sogar wenn es über die Liebe geht, ist es trotzdem über den Krieg. Nachdem ich Tschetschenien verlassen habe, träumte ich überhaupt nicht von den schrecklichen Sachen, die ich dort gesehen hatte. Aber je mehr Zeit vergeht, desto öfters kommen die Greuel des Krieges in meinen Träumen zu mir zurück. Ich glaube, es ist für immer.

vsvet (ansTageslicht.de): Kann man die Situation im heutigen Tschetschenien als friedlich bezeichnen?

Natürlich gibt es dort keinen Frieden. Der Krieg, wie wir ihn kannten, d.h. mit dem Verbrennen von Städten, mit Bombenangriffen und dem Rollen von Selbstfahrlafetten GRAD und URAGAN, gibt es nicht mehr. Die Form des heutigen Krieges ist raffinierter und perverser geworden. D.h. es ist der Krieg der totalen Gewalt und der Angst, die als Folge entsteht. Menschen leben unter solchen Bedingungen und wollen eigentlich nichts anderes als in Ruhe gelassen zu werden.

(EP)

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