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Anna POLITKOVSKAJA 2001: Mord oder Hinrichtung?

Ein Jahr nach der Tragödie in der tschetschenischen Siedlung sind die Ermittlungen zum Stehen gekommen

Die Novye-Aldy-Tragödie stellt für die friedliche Bevölkerung die schrecklichste Seite des zweiten Tschetschenienkrieges dar. Dennoch gibt es weder ein Gerichtsverfahren noch eine Untersuchung. Niemand wird zur Verantwortung gezogen. Dafür tut die Generalstaatsanwaltschaft alles!

Malika LABAZANOVA – eine Bäckerin aus der Siedlung NA am Stadtrand von Grozny. Sie wollte immer nur Bäckerin sein. Obwohl dies bedeutete immer früh aufzustehen, keine Wochenenden oder Feiertage zu haben, fuhr sie jeden Tag in die Bäckerei im Zentrum ihrer geliebten Stadt. Das Backen war ihre einzige Freude. Bis zum Tag des 5. Februar 2000 und dem damit verbundenen Sturm auf Grozny: Malika war zu Hause geblieben. Sie unterbrach das erste Mal ihre Arbeit und wurde so Zeugin des Massakers in NA. Seitdem gibt es für Malika nur noch ein davor und ein danach. Ihr Leben wurde zweigeteilt.

Ab dem 6. Februar musste die Bäckerin Leichen vor hungrigen Hunden und Krähen schützen. Sie bewahrte sie deshalb in ihrem Keller auf. Später, als die Leichen fort waren, putze sie ihre Kacheln im Keller. 100 Opfer hatten die Ausschreitungen gefordert. Der Schrecken war aber noch nicht zu Ende. Die Frage, wer schuld an dem Tod der Angehörigen von Malika war, blieb offen. Deswegen gründeten die Hinterbliebenen von NA im Herbst diesen Jahres das Komitee „Aldy“. Malika ist Leiterin dieses Komitees. Hauptziel von „Aldy“ ist es eine Antwort von der Obrigkeit zu bekommen: Wer ist schuld an dem Tod der Bewohner von NA?

Oktober
Mit dem Anfang der Militäroffensive und dem Beschuss von Grozny, in der Zeit von September bis Oktober, flohen viele NA-Einwohner nach Inguschetien. Einige blieben jedoch und die Familien teilten sich auf. Vor allem der ältere Teil der Bevölkerung blieb. Sie wollten ihre Häuser vor Plünderern schützen. Vor Fremden, aber auch Bekannten.

Anfang Oktober begann der Sturm auf Grozny. Die tschetschenischen Kämpfer befanden sich auf dem „20-ten Grundstück“, ein Gebiet was grade mal 2 Kilometer von NA entfernt war. In der Siedlung selbst waren jedoch keine tschetschenischen Kämpfer. Trotzdem wurde NA, während des ganzen Dezembers und Januars, täglich beschossen und bombardiert.

Die Bewohner der Siedlung versteckten sich in ihren Kellern. Nur selten kamen sie raus. Meist nur dann, wenn sie Wasser brauchten. Trotzdem starben in zwei Monaten 75 Menschen der „Kellerbewohner“. Aber nicht alle starben direkt durch Schüsse. Viele starben an ihren Verletzungen, aufgrund der fehlenden medizinischen Versorgung. Ältere Menschen, weil sie den psychischen Druck nicht aushielten und andere weil sie den Kälte- oder Hungertod erlitten.

Januar
Am 30. Januar begann dann eine Sonderaktion der russischen Truppen. Die so genannte Schamanov´sche Mogelei. Damit wollten sie die tschetschenischen Kämpfer aus Grozny locken. Die Mogelei bestand aus einer Fehlinformation für die Feldkommandeure der tschetschenischen Kämpfer. Es hieß, die föderalen Truppen wären dazu bereit sie friedlich durch das Gebiet ziehen zu lassen. Sie sollten sich ihren geordneten Abzug allerdings erkaufen. Die Tschetschenen bezahlten tatsächlich. Jedoch stießen sie auf dem Weg durch die Stadt auf ein Minenfeld. Die föderale Artillerie und Luftwaffe nutze diese Tatsache gnadenlos aus und fiel über die Siedlungen von Grozny her. Eine der Siedlungen war auch NA.

Februar
3.Februar: Die russischen Truppen besetzen das „20-te Grundstück“. Als diese Nachricht in NA bekannt wird, macht sich eine Delegation von Einwohnern der Stadt auf den Weg dorthin. Sie suchen das Gespräch mit den Kommandeuren des 15-ten Panzergrenadier-Regiments. Unter ihnen befinden sich hauptsächlich alte Menschen und als Zeichen ihrer guten Absichten tragen sie die weiße Fahne. Trotzdem wird auf die Delegation das Feuer eröffnet und einer der NA-Einwohner stirbt sofort. Die Übriggebliebenen schaffen es jedoch die Kommandeure davon zu überzeugen mit dem Feuer auf die Stadt aufzuhören. Am 4.Februar wurde es für kurze Zeit still in NA.
Etwas später begannen die Passkontrollen. Während die Soldaten, die Unterlagen der Bewohner von NA durchblätterten, warnten sie vor der nächsten Bedrohung: „Geht hier weg! Nach uns kommen die Tiere. Sie haben den Befehl zu töten“. Aber die Anwohner schenkten ihnen keinen Glauben. Sie dachten sie wollten sie nur aus ihren Häusern locken, um plündern zu können. Doch dann begann am frühen Morgen des 5. Februars die zweite Säuberung – eine irrationale und blutige Abrechnung. Es traf die, die einfach nur den Weg kreuzten.

Die Säuberung
Aza BISULTANOVA – eine junge Schullehrerin. Was bringt sie jetzt noch den Kindern bei? Und kann sie überhaupt noch irgendjemanden irgendwas beibringen? Es ist schwer zu erklären, aber Aza steht noch immer unter Schock, obwohl seit den Geschehnissen schon zehn Monate vergangen sind.

Aza verlor am 5. Februar ihren Vater – Ahmed Abulhanovich ABULHANOV, 68 Jahre alt. „Wenn sie ihn bloß so erschossen hätten…“ – sagt Aza. Er, Ahmed Abulhanovich – ein angesehener Mann in Novye Aldy – ging an jenem Morgen durch seine vertrauten Straßen und überredete die Menschen aus den Kellern rauszukommen. Er war es, der die Zweifelnden ermahnte/aufforderte: „Wozu sollen wir uns jetzt noch verstecken? Jetzt kann es nur noch besser werden… Wenn wir in den Kellern bleiben, werden die Soldaten denken, dass wir an irgendetwas schuld sind … Aber wir sind doch für nichts schuldig…“

Als ein Soldat den Hof von Ahmed betrat lächelte er den Soldaten an und sagte: „Danke mein Sohn. Wir haben auf euch gewartet und sind froh darüber, dass sich das Warten gelohnt hat“. Jedoch hatte der Soldat anderes im Sinn. „Hol deine Zähne raus, Alter und hol dein Geld, sonst bringe ich dich um!“, sagte er zu Azas Vater. Der alte Mann verstand den Soldaten nicht und lächelte weiter. Streichelte ihm sogar die Schulter.

Malika LABAZANOVA war auch dort und wurde Zeugin der darauf folgenden Abbrechung. Sie nahm ihre Ohrringe und den Ehering ab. Gab alles dem Soldaten. Erklärte ihm, dass ihre Zähne nicht aus Gold seien, sondern nur mit Gold besprüht wurden. Der Rest war billigeres Material. Der Soldat ließ Malika frei. Zuerst musste sie jedoch das Geld ihrer Nachbarn holen. Sie kam mit 300 Rubel zurück und überreichte ihm das Geld. Er lachte: „Das ist doch kein Geld…“.

Ahmed erschossen die Soldaten. Sie machten daraus eine Schießübung, bei der dem alten Mann die obere Schädelhälfte abgeschossen wurde. Danach brachten sie noch drei weitere Menschen um. Eines der Opfer war von der Kindheit an behindert. Er versuchte es den Soldaten zu erklären. Sagte ihnen, dass er die entsprechenden Unterlagen besäße. Trotzdem musste er sterben.
Malika ließen sie aus irgendeinem Grund am Leben. Sie befahlen ihr die Leichen in den Keller zu schaffen und sie tat es. Daraufhin beschlossen die Soldaten, die Kuh und alle Schafe bei lebendigem Leib zu verbrennen. Die Kuh schlossen sie ein. Einer der Soldaten bekam Mitleid und wollte sie freilassen. Sein Vorgesetzter drohte ihm jedoch damit, ihn dann auch umzubringen. Die brennenden Schafe liefen aus dem Stahl, schnappten nach Luft und fielen tot um.

Auch Menschen wurden danach lebendig verbrannt…

Einige wurden dermaßen verunstaltet, dass niemand das Alter der Leichen bestimmen konnte. Unter ihnen Zina ABDULMEZHIDOVA, Husejn ABDULMEZHIDOV, Gula HAJDAEV, Kajpa JUSUPOVA, Elena KUZNEZOVA und Viktor Platonovich TSCHEPTURA.

Hölle
Der Name des Geschehens lautet – die Hölle.
Die, die wie durch ein Wunder überlebten, dachten die Soldaten müssen im Wahn gewesen sein. Verrückt geworden durch die Schlacht oder Drogen. Kein normaler Mensch wäre zu solchen Taten fähig. Doch die nachfolgenden Ereignisse offenbarten ganz andere Motive. „5.Februar“:
Obwohl mehrere Wochen vergingen, begruben die Überlebenden entgegen aller Traditionen die Leichen nicht. Sie warteten auf die Staatsanwaltschaft. Diese sollte alles protokollieren und die erforderlichen Ermittlungen durchführen. Die Beerdigungen mussten dann aber doch stattfinden. Sie konnten nicht noch länger warten, denn niemand kam. Das Warten hatte jedoch kein Ende. Die Angehörigen wollten die Todesbescheinigungen haben. In ihnen wurde festgehalten wie der Verstorbene ums leben kam. (Stich- und Schnittwunden, Schusswunden etc.) Nur wenige erhielten diese. Der Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Grozny, der die Bescheinigungen ausgehändigt hatte, wurde kurze Zeit später versetzt. Jene, die eine Bescheinigung erhalten hatten, mussten danach in die Verwaltung des Zavadskoj-Bezirks. Dort wurde ihnen eine neue Todesbescheinigung ausgestellt. In diesen fehlte jedoch die Zeile „Todesursache“.

Ein Jahr Später
Bald wird nach der NA-Hölle – dem Chatyn (ein Weißrussisches Dorf, in dem die SS 1943 ein Massaker veranstaltet hat – siehe wiki), der neuen russischen Zeit – ein Jahr vergangen sein. Ergebnisse der Ermittlungen: Keine.

In den zehn vergangenen Monaten wurden die Zeugen befragt/vernommen. Obwohl viele Mörder ihr Gesicht nicht verdeckt hatten, traut sich keiner der Zeugen ein Phantombild zu erstellen.
Wenn es bloß nur die Phantombilder wären! Die Mehrheit der Opfer besitzen nicht einmal Unterlagen, die den Tod ihrer Angehörigen bescheinigen. Sie haben praktisch nichts, womit sie vor Gericht gehen können und ihren verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gerechtigkeit durchzusetzen.

Es ist offensichtlich, dass die Generalstaatsanwaltschaft die Aufklärung der Tragödie erfolgreich ausbremst. In offiziellen Briefen wird den Anwohnern von NA mitgeteilt, dass der Fall überprüft wird. Allen anderen wird mitgeteilt, dass die Tschetschenen die Körper der Verstorbenen einfach nicht zur Exhumierung freigeben. Die Ermittlungen könnten deshalb nicht vorankommen. Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft lügen schamlos alle an.

Verständlich und logisch ist die Lüge für die Verteidiger der Mörder. Kein Zivilist aus NA ist in der Lage die Aussagen zu überprüfen. Grozny ist fast immer für Besucher gesperrt. Die „Nowaja Gaseta“ hat es allerdings geschafft etwas herauszufinden. Wie sich rausgestellt hat „bitten, flehen, verlangen“ die Bewohner von NA, dass die Exhumierung der Leichnahme durchgeführt wird. Sie wollen, dass die Beweise – die Kugeln – endlich aus den Leichen rausgeholt werden. Mit ihnen könnten die Hinterbliebenen erfahren wer verantwortlich für das Massaker ist. Die Antwort auf diese beharrlichen Forderungen: Es kam doch ein Team von militärischen Gerichtsmedizinern um sich die Unterschriften der Angehörigen zu holen. Jedoch verweigerten diese die Exhumierung.
Dieselbe Generalstaatsanwaltschaft, die bei uns dermaßen schnell arbeitet, wenn es um Oligarchen geht, versucht sich in diesem Fall herauszuwinden. Einige Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft, die aus irgendwelchen Gründen, zu verschiedenen Zeiten, an den Ermittlungen im Fall der NA-Tragödie beteiligt waren, haben, unter der Garantie der ewigen Anonymität, einem „Gespräch“ zugesagt. Sie taten so als ob die Rede von einem Nuklear-Staatsgeheimnis wäre. Ihrer Information zufolge, wird von ganz oben Druck ausgeübt.

Dabei gab es einen Befehl, den Fall unter der verschlüsselten Bezeichnung „5. Februar“ auszubremsen. PUTIN wollte sich zu dieser Zeit unter keinen Umständen mit den Militär-Chefs des Landes streiten.

Sollte der Fall des NA-Albtraums aufgelöst werden – also bis zur Vorlage der Anklage – würden weitere ähnliche Fälle folgen. Dessen ist man sich sicher in der Generalstaatsanwaltschaft. Aber auch die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft haben Angst: sie werden angeblich von den Offizieren, die für das Massaker in NA verantwortlich sind, bedroht.

Ob das wirklich so ist wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Zweifellos ist daran aber nur schwer zu glauben. Solange müssen wir uns aber eines eingestehen: das Land züchtet/zieht auf, hegt, pflegt und beschützt unter anderem auch die Kriegsverbrecher von NA. Sie werden wohlmöglich sogar zu Ordenträgern oder zu Major-Oberst-Generälen.

Erst vor kurzem, am 23. November, beerdigte man den alten Hassan MUSAEV. Am 5. Februar wurden vier seiner Familienangehörigen vor seinen Augen erschossen. Auch ihn hatte man schon auf den Boden geworfen und eine Gewährmündung in sein Ohr gesteckt. Aber dann sagte man ihm: „Bleib am Leben. Um daran zu leiden, dass wir dich nicht erschossen haben…“

Der alte Hassan hat tatsächlich sehr gelitten und verstarb an seinem dritten Herzinfarkt.
Wurde etwa davon, jemanden in Russland, wirklich leichter auf der Seele?

Anna POLITKOVSKAJA in der Novaja Gaseta am 22.01.2001

Den Originalartikel finden Sie dort unter УБИЙСТВО ИЛИ КАЗНь?

Übersetzung: Andreas ENGELHARDT

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Filed under: Mord, Pressefreiheit, Russland

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