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Novaya Gazeta – die wohl unabhängigste Tageszeitung in Russland


Zur Chronologie der Novaya Gazeta

Erinnerung an Anna POLITKOVSKAJA

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Filed under: Demokratie, DokZentrum, Journalismus, Korruption, Medien, Medien und Demokratie, Medienlandschaft, Politik, Pressefreiheit, Russland, Tagespresse, Tageszeitungen, Watch-Dog

Medien + Demokratie

So lautet der (Unter)Titel einer Veranstaltungsreihe in Hamburg, die im Herbst 2009 beginnt und bis Anfang 2010 dauern wird.

Gleichzeitig handelt es sich auch um das Motto eines langfristigen Projekts.

Die langfristige Idee:

Das DokZentrum ansTageslicht. de, das an der Fakultät Design, Medien und Information (DMI) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), Hamburg, untergebracht ist, wird künftig mit dem Freien Russisch-Deutschen Institut für Publizistik (FRDIP) an der Fakultät für Journalismus der Lomonossov-Universität in Moskau kooperieren.

Im Mittelpunkt stehen

• der gegenseitige Austausch von Informationen, Themen und Geschichten, die das tägliche Leben ausmachen. Und: Warum und wie diese Informationen und Geschichten entstanden bzw. (nicht) in die öffentliche Wahrnehmung geraten sind. Beispiele finden Sie unter den oben farbig markierten Reitern (Unterportalen des DokZentrums)

• eine Kooperation zwischen den Studierenden aus beiden Ländern, die diese Geschichten und die Geschichten ‚hinter den Geschichten‘ rekonstruieren.

Russland und Deutschland haben auf der einen Seite viel Gemeinsames. Zum Beispiel wirtschaftliche Interessen oder kultureller Austausch auf vielerlei Gebieten. Auf der anderen Seite gibt es viele Unterschiede, was relevante Lebens- und Arbeitsbereiche anbelangt wie etwa das politische Leben sowie die Möglichkeiten aktiver Mitsprache jedes Einzelnen, die Bedeutung der Justiz und insbesondere auch die Rolle der Medien.

Das gegenseitige Verstehen der jeweils anderen Mentalitäten und Usancen ist aber für das friedliche Zusammenleben absolut unabdingbar. Ebenso für die Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen und Medien, egal wo sie leben und arbeiten.

Wie deshalb diese Kooperation aussehen soll, skizzieren wir unter Das Projekt.

Zur Vorbereitung dieser nachhaltigen Zusammenarbeit führten wir im Wintersemester 2009/2010 eine Veranstaltungsreihe durch. Insgesamt waren es 6 Veranstaltungen:

Die Themen und die Termine im Überblick

20. Oktober, 18:00 Uhr
Einblick in Länder, die es wirklich gibt
Marion Dönhoff-Stipendiaten im Gespräch: Wie Menschen zwischen staatlicher Gängelei und eigenen (Sub)Kulturen in Russland, Weißrussland und Usbekistan (über)leben
Diskussion mit Marcus Bensmann, Düsseldorf; Merle Hilbk, Berlin; Ingo Petz, Berlin

3. November, 19:00 Uhr
Pressefreiheit in einem Land mit 11 Zeitzonen
Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung aus sieben russischen Regionen
Diskussion mit Gemma Pörzgen, Reporter ohne Grenzen, Berlin; Moritz Gathmann, Moskau; Prof. Dr. Galina Woronenkova, Lomonossov-Universität, Moskau

17. November, 19:00 Uhr
Arbeiten und Wirken im Stillen?
Über die reale Bedeutung von Friedensforschung, Petersburger Dialog und Europäischem Menschengerichtshof für Menschen und Medien in Ost und West
Diskussion mit Dr. Anna Kreikemeyer, Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg; Prof. Jens Wendland, Freies Russisch-Deutsches Institut für Publizistik, Moskau und Berlin; Prof. Dr. Otto Luchterhand, Universität Hamburg

1. Dezember, 19:00 Uhr
Vom Auftrag der Presse. Bedeutet Aufmerksamkeit im Westen zugleich Schutz im Osten?

10 Jahre Erfahrung mit dem Gerd Bucerius-Förderpreis Freie Presse Osteuropas
Vortrag von Dr. Theo Sommer, Editor-at-Large DIE ZEIT

15. Dezember, 19:00 Uhr
Was geschieht im Kaukasus? Was wissen wir im Westen?
Diskussion mit Barbara Lehmann, Freie Journalistin; Dr. Christian Neef, DER SPIEGEL; Marietta König, M.A., Institut f. Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH), Hamburg

12. Januar 2010, 19:00
Was dürfen, können, sollen Moskau-Reporter berichten? Und was dürfen, können, sollen Leser im Westen dann auch lesen?
Korrespondenten aus Moskau berichten: Uwe Klußmann, Der Spiegel, Hamburg; Gisbert Mrozek, http://www.aktuell.ru, Moskau; Klaus-Helge Donath, taz, Moskau; Prof. Dr. Otto Luchterhand, Universität Hamburg

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Anna POLITKOVSKAJA 2001: Mord oder Hinrichtung?

Ein Jahr nach der Tragödie in der tschetschenischen Siedlung sind die Ermittlungen zum Stehen gekommen

Die Novye-Aldy-Tragödie stellt für die friedliche Bevölkerung die schrecklichste Seite des zweiten Tschetschenienkrieges dar. Dennoch gibt es weder ein Gerichtsverfahren noch eine Untersuchung. Niemand wird zur Verantwortung gezogen. Dafür tut die Generalstaatsanwaltschaft alles!

Malika LABAZANOVA – eine Bäckerin aus der Siedlung NA am Stadtrand von Grozny. Sie wollte immer nur Bäckerin sein. Obwohl dies bedeutete immer früh aufzustehen, keine Wochenenden oder Feiertage zu haben, fuhr sie jeden Tag in die Bäckerei im Zentrum ihrer geliebten Stadt. Das Backen war ihre einzige Freude. Bis zum Tag des 5. Februar 2000 und dem damit verbundenen Sturm auf Grozny: Malika war zu Hause geblieben. Sie unterbrach das erste Mal ihre Arbeit und wurde so Zeugin des Massakers in NA. Seitdem gibt es für Malika nur noch ein davor und ein danach. Ihr Leben wurde zweigeteilt.

Ab dem 6. Februar musste die Bäckerin Leichen vor hungrigen Hunden und Krähen schützen. Sie bewahrte sie deshalb in ihrem Keller auf. Später, als die Leichen fort waren, putze sie ihre Kacheln im Keller. 100 Opfer hatten die Ausschreitungen gefordert. Der Schrecken war aber noch nicht zu Ende. Die Frage, wer schuld an dem Tod der Angehörigen von Malika war, blieb offen. Deswegen gründeten die Hinterbliebenen von NA im Herbst diesen Jahres das Komitee „Aldy“. Malika ist Leiterin dieses Komitees. Hauptziel von „Aldy“ ist es eine Antwort von der Obrigkeit zu bekommen: Wer ist schuld an dem Tod der Bewohner von NA?

Oktober
Mit dem Anfang der Militäroffensive und dem Beschuss von Grozny, in der Zeit von September bis Oktober, flohen viele NA-Einwohner nach Inguschetien. Einige blieben jedoch und die Familien teilten sich auf. Vor allem der ältere Teil der Bevölkerung blieb. Sie wollten ihre Häuser vor Plünderern schützen. Vor Fremden, aber auch Bekannten.

Anfang Oktober begann der Sturm auf Grozny. Die tschetschenischen Kämpfer befanden sich auf dem „20-ten Grundstück“, ein Gebiet was grade mal 2 Kilometer von NA entfernt war. In der Siedlung selbst waren jedoch keine tschetschenischen Kämpfer. Trotzdem wurde NA, während des ganzen Dezembers und Januars, täglich beschossen und bombardiert.

Die Bewohner der Siedlung versteckten sich in ihren Kellern. Nur selten kamen sie raus. Meist nur dann, wenn sie Wasser brauchten. Trotzdem starben in zwei Monaten 75 Menschen der „Kellerbewohner“. Aber nicht alle starben direkt durch Schüsse. Viele starben an ihren Verletzungen, aufgrund der fehlenden medizinischen Versorgung. Ältere Menschen, weil sie den psychischen Druck nicht aushielten und andere weil sie den Kälte- oder Hungertod erlitten.

Januar
Am 30. Januar begann dann eine Sonderaktion der russischen Truppen. Die so genannte Schamanov´sche Mogelei. Damit wollten sie die tschetschenischen Kämpfer aus Grozny locken. Die Mogelei bestand aus einer Fehlinformation für die Feldkommandeure der tschetschenischen Kämpfer. Es hieß, die föderalen Truppen wären dazu bereit sie friedlich durch das Gebiet ziehen zu lassen. Sie sollten sich ihren geordneten Abzug allerdings erkaufen. Die Tschetschenen bezahlten tatsächlich. Jedoch stießen sie auf dem Weg durch die Stadt auf ein Minenfeld. Die föderale Artillerie und Luftwaffe nutze diese Tatsache gnadenlos aus und fiel über die Siedlungen von Grozny her. Eine der Siedlungen war auch NA.

Februar
3.Februar: Die russischen Truppen besetzen das „20-te Grundstück“. Als diese Nachricht in NA bekannt wird, macht sich eine Delegation von Einwohnern der Stadt auf den Weg dorthin. Sie suchen das Gespräch mit den Kommandeuren des 15-ten Panzergrenadier-Regiments. Unter ihnen befinden sich hauptsächlich alte Menschen und als Zeichen ihrer guten Absichten tragen sie die weiße Fahne. Trotzdem wird auf die Delegation das Feuer eröffnet und einer der NA-Einwohner stirbt sofort. Die Übriggebliebenen schaffen es jedoch die Kommandeure davon zu überzeugen mit dem Feuer auf die Stadt aufzuhören. Am 4.Februar wurde es für kurze Zeit still in NA.
Etwas später begannen die Passkontrollen. Während die Soldaten, die Unterlagen der Bewohner von NA durchblätterten, warnten sie vor der nächsten Bedrohung: „Geht hier weg! Nach uns kommen die Tiere. Sie haben den Befehl zu töten“. Aber die Anwohner schenkten ihnen keinen Glauben. Sie dachten sie wollten sie nur aus ihren Häusern locken, um plündern zu können. Doch dann begann am frühen Morgen des 5. Februars die zweite Säuberung – eine irrationale und blutige Abrechnung. Es traf die, die einfach nur den Weg kreuzten.

Die Säuberung
Aza BISULTANOVA – eine junge Schullehrerin. Was bringt sie jetzt noch den Kindern bei? Und kann sie überhaupt noch irgendjemanden irgendwas beibringen? Es ist schwer zu erklären, aber Aza steht noch immer unter Schock, obwohl seit den Geschehnissen schon zehn Monate vergangen sind.

Aza verlor am 5. Februar ihren Vater – Ahmed Abulhanovich ABULHANOV, 68 Jahre alt. „Wenn sie ihn bloß so erschossen hätten…“ – sagt Aza. Er, Ahmed Abulhanovich – ein angesehener Mann in Novye Aldy – ging an jenem Morgen durch seine vertrauten Straßen und überredete die Menschen aus den Kellern rauszukommen. Er war es, der die Zweifelnden ermahnte/aufforderte: „Wozu sollen wir uns jetzt noch verstecken? Jetzt kann es nur noch besser werden… Wenn wir in den Kellern bleiben, werden die Soldaten denken, dass wir an irgendetwas schuld sind … Aber wir sind doch für nichts schuldig…“

Als ein Soldat den Hof von Ahmed betrat lächelte er den Soldaten an und sagte: „Danke mein Sohn. Wir haben auf euch gewartet und sind froh darüber, dass sich das Warten gelohnt hat“. Jedoch hatte der Soldat anderes im Sinn. „Hol deine Zähne raus, Alter und hol dein Geld, sonst bringe ich dich um!“, sagte er zu Azas Vater. Der alte Mann verstand den Soldaten nicht und lächelte weiter. Streichelte ihm sogar die Schulter.

Malika LABAZANOVA war auch dort und wurde Zeugin der darauf folgenden Abbrechung. Sie nahm ihre Ohrringe und den Ehering ab. Gab alles dem Soldaten. Erklärte ihm, dass ihre Zähne nicht aus Gold seien, sondern nur mit Gold besprüht wurden. Der Rest war billigeres Material. Der Soldat ließ Malika frei. Zuerst musste sie jedoch das Geld ihrer Nachbarn holen. Sie kam mit 300 Rubel zurück und überreichte ihm das Geld. Er lachte: „Das ist doch kein Geld…“.

Ahmed erschossen die Soldaten. Sie machten daraus eine Schießübung, bei der dem alten Mann die obere Schädelhälfte abgeschossen wurde. Danach brachten sie noch drei weitere Menschen um. Eines der Opfer war von der Kindheit an behindert. Er versuchte es den Soldaten zu erklären. Sagte ihnen, dass er die entsprechenden Unterlagen besäße. Trotzdem musste er sterben.
Malika ließen sie aus irgendeinem Grund am Leben. Sie befahlen ihr die Leichen in den Keller zu schaffen und sie tat es. Daraufhin beschlossen die Soldaten, die Kuh und alle Schafe bei lebendigem Leib zu verbrennen. Die Kuh schlossen sie ein. Einer der Soldaten bekam Mitleid und wollte sie freilassen. Sein Vorgesetzter drohte ihm jedoch damit, ihn dann auch umzubringen. Die brennenden Schafe liefen aus dem Stahl, schnappten nach Luft und fielen tot um.

Auch Menschen wurden danach lebendig verbrannt…

Einige wurden dermaßen verunstaltet, dass niemand das Alter der Leichen bestimmen konnte. Unter ihnen Zina ABDULMEZHIDOVA, Husejn ABDULMEZHIDOV, Gula HAJDAEV, Kajpa JUSUPOVA, Elena KUZNEZOVA und Viktor Platonovich TSCHEPTURA.

Hölle
Der Name des Geschehens lautet – die Hölle.
Die, die wie durch ein Wunder überlebten, dachten die Soldaten müssen im Wahn gewesen sein. Verrückt geworden durch die Schlacht oder Drogen. Kein normaler Mensch wäre zu solchen Taten fähig. Doch die nachfolgenden Ereignisse offenbarten ganz andere Motive. „5.Februar“:
Obwohl mehrere Wochen vergingen, begruben die Überlebenden entgegen aller Traditionen die Leichen nicht. Sie warteten auf die Staatsanwaltschaft. Diese sollte alles protokollieren und die erforderlichen Ermittlungen durchführen. Die Beerdigungen mussten dann aber doch stattfinden. Sie konnten nicht noch länger warten, denn niemand kam. Das Warten hatte jedoch kein Ende. Die Angehörigen wollten die Todesbescheinigungen haben. In ihnen wurde festgehalten wie der Verstorbene ums leben kam. (Stich- und Schnittwunden, Schusswunden etc.) Nur wenige erhielten diese. Der Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Grozny, der die Bescheinigungen ausgehändigt hatte, wurde kurze Zeit später versetzt. Jene, die eine Bescheinigung erhalten hatten, mussten danach in die Verwaltung des Zavadskoj-Bezirks. Dort wurde ihnen eine neue Todesbescheinigung ausgestellt. In diesen fehlte jedoch die Zeile „Todesursache“.

Ein Jahr Später
Bald wird nach der NA-Hölle – dem Chatyn (ein Weißrussisches Dorf, in dem die SS 1943 ein Massaker veranstaltet hat – siehe wiki), der neuen russischen Zeit – ein Jahr vergangen sein. Ergebnisse der Ermittlungen: Keine.

In den zehn vergangenen Monaten wurden die Zeugen befragt/vernommen. Obwohl viele Mörder ihr Gesicht nicht verdeckt hatten, traut sich keiner der Zeugen ein Phantombild zu erstellen.
Wenn es bloß nur die Phantombilder wären! Die Mehrheit der Opfer besitzen nicht einmal Unterlagen, die den Tod ihrer Angehörigen bescheinigen. Sie haben praktisch nichts, womit sie vor Gericht gehen können und ihren verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gerechtigkeit durchzusetzen.

Es ist offensichtlich, dass die Generalstaatsanwaltschaft die Aufklärung der Tragödie erfolgreich ausbremst. In offiziellen Briefen wird den Anwohnern von NA mitgeteilt, dass der Fall überprüft wird. Allen anderen wird mitgeteilt, dass die Tschetschenen die Körper der Verstorbenen einfach nicht zur Exhumierung freigeben. Die Ermittlungen könnten deshalb nicht vorankommen. Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft lügen schamlos alle an.

Verständlich und logisch ist die Lüge für die Verteidiger der Mörder. Kein Zivilist aus NA ist in der Lage die Aussagen zu überprüfen. Grozny ist fast immer für Besucher gesperrt. Die „Nowaja Gaseta“ hat es allerdings geschafft etwas herauszufinden. Wie sich rausgestellt hat „bitten, flehen, verlangen“ die Bewohner von NA, dass die Exhumierung der Leichnahme durchgeführt wird. Sie wollen, dass die Beweise – die Kugeln – endlich aus den Leichen rausgeholt werden. Mit ihnen könnten die Hinterbliebenen erfahren wer verantwortlich für das Massaker ist. Die Antwort auf diese beharrlichen Forderungen: Es kam doch ein Team von militärischen Gerichtsmedizinern um sich die Unterschriften der Angehörigen zu holen. Jedoch verweigerten diese die Exhumierung.
Dieselbe Generalstaatsanwaltschaft, die bei uns dermaßen schnell arbeitet, wenn es um Oligarchen geht, versucht sich in diesem Fall herauszuwinden. Einige Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft, die aus irgendwelchen Gründen, zu verschiedenen Zeiten, an den Ermittlungen im Fall der NA-Tragödie beteiligt waren, haben, unter der Garantie der ewigen Anonymität, einem „Gespräch“ zugesagt. Sie taten so als ob die Rede von einem Nuklear-Staatsgeheimnis wäre. Ihrer Information zufolge, wird von ganz oben Druck ausgeübt.

Dabei gab es einen Befehl, den Fall unter der verschlüsselten Bezeichnung „5. Februar“ auszubremsen. PUTIN wollte sich zu dieser Zeit unter keinen Umständen mit den Militär-Chefs des Landes streiten.

Sollte der Fall des NA-Albtraums aufgelöst werden – also bis zur Vorlage der Anklage – würden weitere ähnliche Fälle folgen. Dessen ist man sich sicher in der Generalstaatsanwaltschaft. Aber auch die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft haben Angst: sie werden angeblich von den Offizieren, die für das Massaker in NA verantwortlich sind, bedroht.

Ob das wirklich so ist wird sich erst mit der Zeit herausstellen. Zweifellos ist daran aber nur schwer zu glauben. Solange müssen wir uns aber eines eingestehen: das Land züchtet/zieht auf, hegt, pflegt und beschützt unter anderem auch die Kriegsverbrecher von NA. Sie werden wohlmöglich sogar zu Ordenträgern oder zu Major-Oberst-Generälen.

Erst vor kurzem, am 23. November, beerdigte man den alten Hassan MUSAEV. Am 5. Februar wurden vier seiner Familienangehörigen vor seinen Augen erschossen. Auch ihn hatte man schon auf den Boden geworfen und eine Gewährmündung in sein Ohr gesteckt. Aber dann sagte man ihm: „Bleib am Leben. Um daran zu leiden, dass wir dich nicht erschossen haben…“

Der alte Hassan hat tatsächlich sehr gelitten und verstarb an seinem dritten Herzinfarkt.
Wurde etwa davon, jemanden in Russland, wirklich leichter auf der Seele?

Anna POLITKOVSKAJA in der Novaja Gaseta am 22.01.2001

Den Originalartikel finden Sie dort unter УБИЙСТВО ИЛИ КАЗНь?

Übersetzung: Andreas ENGELHARDT

Filed under: Mord, Pressefreiheit, Russland

Anna POLITKOVSKAJA 2000: Die Obrigkeit ist so zynisch wie ein Tyrann

Sieben Opfer des Militärterrors wurden um die Todesbescheinigungen ihrer Angehörigen beraubt

Die Obrigkeit überschwemmt das Land mit ihrem kalten und bis zur Abscheu berechnenden Zynismus. All das, was, um die so genannte Novye-Aldy-Tragödie passiert, ist eine der schrecklichsten Seiten des zweiten Tschetschenienkrieges – hier der Beweis:

Wir erinnern: Am 5. Februar 2000 war der Tag der „Befreiung“ von Soldaten in der Siedlung Novye Aldy im Industriebezirk von Grozny. Am Morgen fing dort eine „Passkontrolle“ an, durch Kräfte des Innenministeriums und des Verteidigungsministeriums. Es war der Anfang eines Massakers an der Zivilbevölkerung („Novaja Gaseta“ hat darüber bereits in der Ausgabe Nr. 12 berichtet). Das Ergebnis: in der Siedlung wurden fast hundert Menschen auf brutalste Art und Weise zu Tode gequält. Einige von ihnen sind bis heute nicht identifiziert. Grund dafür sind die ihnen zugeführten Verletzungen.
Wie hat die Obrigkeit darauf reagiert? Extrem träge!

Sie wollten natürlich das alle Schweigen. Die Informationen erreichten jedoch die Presse und so wurde dann doch ein Strafverfahren eingeleitet. Erstmal passierte aber nichts. Erst einige Zeit später wurde das Verfahren wieder aufgenommen. Unser Korrespondent, der über das Massaker berichtet hatte, wurde erst im Juli (!) zur Vernehmung der Geschehnisse eingeladen. Der Untersuchungsbeamte war jedoch in völliger Unkenntnis über die zu untersuchende Frage. Es war nur eine reine Formalität unseren Korrespondenten vorzuladen. Niemand wollte klare Antworten auf die Fragen: wer und wie viele?

Der Hohn erreichte seinen Höhepunkt, als den Hinterbliebenen der Opfer von NA, die Sterbeurkunden verweigert wurden. Sie taten so, als hätten diese Menschen – die brutal zu Tode gequälten, die lebendig Verbrannten, die mit abgeschnittenen Köpfen und Ohren – nie existiert. Die Empörung der Bevölkerung war groß. Der Ermittlungsbeamte der Nordkaukasischen Generalstaatsanwaltschaft T. MURDALOV wollte die Situation mildern, indem er einigen besonders wichtigen Fällen Zertifikate mit folgendem Inhalt erstellte:

„Am 5. Februar 2000 wurde in der ersten Tageshälfte, in der Siedlung Novye Aldy des Industrie-Bezirks der Stadt Grozny, Tschetschenische Republik, durch Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums und des Ministeriums für Innere Angelegenheiten der Russischen Föderation, während der Passkontrolle-Maßnahmen, ein Massenmord an der friedlichen Bevölkerung der oben genannten Siedlung begangen, dabei wurde … (dann folgte der Name des verstorbenen) ermordet. In Zusammenhang mit diesen Fakten ermittelt die Hauptverwaltung der Generalstaatsanwaltschaft am Nordkaukasus.“

Der Ermittlungsbeamte MURDALOV hatte es geschafft 33 solcher Zertifikate auszustellen und dementsprechend die Erinnerung an die 33 Opfer wieder herzustellen. Das 34-te Dokument kam jedoch nicht mehr ans Tageslicht. Der Ermittlungsbeamte wurde von seinem Posten entlassen und degradiert. Er wurde sogar aus Grozny ausgewiesen. Damit blieb ihm die Möglichkeit verwährt sich mit den Angehörigen vor Ort, in seinem Büro, zu treffen. Aber nicht nur der Ermittler wurde fortgeschafft, auch der Fall selbst. Sie übergaben ihn dem Ermittlungsbeamten N. HAZIKOV in Essentuki. Dieser Ort ist von NA genauso weit entfernt wie Moskau.

Gehen die Angehörigen, der Opfer von NA, jetzt in die Staatsanwaltschaft von Grozny, sagt man ihnen: „Fahren Sie nach Essentuki. Klären Sie alles dort!“ Das ist in etwas so, als würde man einem armen Moskauer sagen: „Fahr nach Argentinien!“ Denn er Abstand von NA bis Essentuki ist wesentlich größer als von Essentuki bis NA.

„Wenn HAZIKOV wenigstens eine Dienstreise nach Grozny machen könnte (was er nicht macht). Wir sind dagegen nicht im Stande einfach so nach Essentuki zu fahren“ – sagt Tabarik ARSAMURZAEVA. „Man lässt uns nicht weiter als bis zu dem letzten tschetschenischen Kontrollposten. Außerdem haben wir kein Geld für den Zug. Wir denken, dass sie es extra gemacht haben, um unsere Tragödie zu beerdigen.“

Wir stehen am Eingang der Staatsanwaltschaft in Grozny. Aufgrund der Schreie versammelter Novoaldyner, kommt endlich der Assistent des Staatsanwaltes, Aleksander LEBEDEV, raus und verweigert den Familienangehörigen der Verstorbenen jegliche Hilfe. Die Angehörigen bitten darum mit dem Ermittlungsbeamten HAZIKOV per Telefon verbunden zu werden. Sie flehen um eine erneute Aufnahme von Zeugenaussagen, die Exhumierungen der Leichnahme und darum das Problem mit den Todesbescheinigungen zu lösen.

„Unsere Kinder werden nicht als Waisen anerkannt. Verstehen Sie uns“ – sagt Malika LABAZANOVA. „Wir können nicht beweisen, dass diese Manschen, unsere Schwestern, Brüder und Männer waren. Das sie überhaupt gelebt haben …“. LEBEDEV bleibt jedoch unnachgiebig.
Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft, die verlangt haben anonym zu bleiben, erklärten später, dass es einen Befehl aus Moskau gab indem es hieß die Untersuchung der NA-Tragödie auszubremsen. Jegliche Ausstellung von Unterlagen, die das Massaker untermauern konnten, war untersagt worden. Keiner der Angehörigen sollte die Möglichkeit haben sich an eine internationale Organisation zu wenden um dort zu beweisen, dass am 5. Februar 2000 der Massenmord tatsächlich stattgefunden hat.

Die Armee stellt die Arme der Obrigkeit dar. Eine Obrigkeit geprägt durch staatlichen Zynismus, in einer Epoche der schnellen Entfaltung. Daher wird alles was sie macht, von den Menschen als Materialisierung ihrer Gedanken verstanden. Auch von den Menschen, die sie selbst geschaffen hat.

Anna POLITKOWSKAJA in der Novaja Gaseta am 11.09.2000

Den Originalartikel finden Sie dort unter ВЛАСТЬ ЦИНИЧНА, КАК НАСИЛЬНИК

Übersetzung: Andreas ENGELHARDT

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Stanislav Jurjewitsch MARKELOV

„Ich habe es satt, ich habe es satt, immer die Namen meiner Bekannten in den Todeslisten zu finden. Wir alle brauchen Schutz, vor den Nazibanden, vor den Mächtigen und ihren Machenschaften und vor denen, die ihnen helfen. Uns schützt nicht Gott, nicht der Zar, nicht das Gesetz, nur wir selbst.“ [Stanislaw MARKELOW in einer Rede vor Moskauer Bürgerrechtlern]

MARKELOW übernahm Mandanten mit Fällen, die sonst niemand wollte. Oft wurde er deshalb eingeschüchtert, bekam Morddrohungen per SMS, 2004 wurde der Menschenrechtler in der Moskauer U-Bahn zusammengeschlagen. Am 19. Januar 2009 wurde er in Moskau am helllichten Tag erschossen. Er wurde nur 34 Jahre alt.

Wer Stanislaw MARKELOW erschoss ist bis zum heutigen Tage ungeklärt. Zwar ließ Moskau im November vergangenen Jahres verlauten, dass man den Mord aufgeklärt haben will und die mutmaßlichen Täter aus der rechtsextremen Szene stammen. Die russische Polizei hatte, fast zehn Monate nach der grausamen Bluttat, zwei ehemalige Mitglieder der als rechtsextrem geltenden Organisation „Russische Nationale Einheit“ (RNE) festgenommen. Kremlchef Dmitri MEDWEDEW lobte daraufhin die Ermittlungsergebnisse. Er hoffe, dass die Beweise für einen Prozess ausreichen, sagte er bei einem Treffen mit Alexander BORTNIKOW, Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB.

Bei der Verhaftung waren zahlreiche Schusswaffen sichergestellt worden. Außerdem sei man sich sicher, dass die Festgenommenen mindestens einen weiteren Mord verübt haben. BORTNIKOW äußerte sich jedoch nicht zu den Beweisen. Nach Justizangaben soll die festgenommene junge Frau unter einem Vorwand MARKELOW und seine eng befreundete Arbeitskollegin BABUROWA nach einer Pressekonferenz in die Nähe einer Metrostation geführt haben. Ihr ebenfalls festgenommener Komplize habe die Beiden dort erschossen und sei geflohen.

Sergej SOKOLOW, Chefredakteur der Nowaja Gaseta, vertritt jedoch die Ansicht, dass es viel zu früh sei, um Meldungen für eine lückenlose Aufklärung des Mordes an MARKELOW und BARBUROWA zu verbreiten. Sicherlich ist es möglich, dass die Täter aus dem neofaschistischen Milieu kommen, jedoch hatte der Menschenrechtler viele Feinde in Russland, da er meistens mit Menschen zusammenarbeitete, die der Obrigkeit ein Dorn im Auge war.

MARKELOW arbeitete unter anderem mit der Journalistin Anna POLITKOWSKAJA zusammen, die am 7. Oktober 2006 in Moskau getötet wurde. Beide beschäftigten sich mit dem Fall Sergei LAPIN. LAPIN, russischer Oberstleutnant und Mitglied der OMON (Militärpolizei) hatte den tschetschenischen Studenten Selimchan MURDALOW zu Tode gefoltert. Anna POLITKOWSKAJA schrieb über diese Tat in der Nowaja Gaseta und MARKELOW vertrat MURDALOWs Eltern. MARKELOW erreichte, unter anderem durch die hartnäckigen Recherchen POLITKOWSKAJA vor Ort in Grosnyje, dass LAPIN zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Nachdem LAPIN der mutigen Korrespondentin der Nowaja Gaseta aus dem Gefängnis Morddrohungen per SMS schickte, verteidigte MARKELOW auch sie.

Ein weiterer Klient MARKELOWs hieß Michael BEKETOW. Er ist Chefredakteur und Besitzer der Zeitung Chiminskaja Prawda. Der Lokaljournalist berichtete kritisch gegen das Vorhaben des Bürgermeisters der Region Chimsky, aus dem Wald der Umgebung eine Mautautobahn und ein Gewerbegebiet machen zu wollen. Der Schwarzmarkt mit Immobilien in der Region Chimsky, die im Speckgürtel Moskaus liegt, boomt. Der Profit der mit dem Bau der Autobahn gemacht werden soll, geht an die Politiker. BEKETOW war der einzige Journalist der über das Vorhaben des Bürgermeisters berichtete. MARKELOW verteidigte BEKETOW daraufhin gegen den Vorwurf der Verleumdung. Im November 2008 wurde BEKETOW brutal zusammengeschlagen und lag mehrere Monate im Koma. Infolgedessen musste man ihm mehrere Finger und ein Bein amputieren.

Stanislaw MARKELOW hatte jedoch auch Mandanten, deren Fälle er bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte brachte.

Mochmadsalach MASAJEW war ein solcher Fall. Der Menschenrechtsanwalt hatte vor, ein handgeschriebenes Dokument MASAJEWs von mehreren hundert Seiten beim Europäischen Menschengerichtshof einzureichen. Die Papiere sind politischer Sprengstoff. Sie beschuldigen Ramzan KADYROW, den Helfer PUTINs und jetzigen tschetschenischen Präsidenten, MASAJEW mit Elektroschocks gefoltert zu haben. KADYROW gilt als zynisch und sadistisch, aber von seinen Foltermethoden und Machenschaften soll Europa nichts erfahren, er ist der Mann des Kremls. Mochmadsalach MASAJEW verschwindet daraufhin auf mysteriöse Art und Weise. Die handgeschriebenen Papiere über die Folterung behält Stanislaw MARKELOW. Die Informationen, die diese Dokumente beinhalten, sind tödlich. Ein anderer Zeuge, der über die Folter aussagen wollte, wird erschossen.

Im März 2000, einige Monate nach dem Beginn des Zweiten Tschetschenienkrieges, entführte BUNDANOW das 18-jährige tschetschenische Mädchen Elsa KUNGAJEWA aus ihrem Elternhaus – folterte, vergewaltigte und tötete sie. Der Fall war in Russland massiv umstritten – BUNDANOW war Träger vieler militärischer Auszeichnungen und Orden. Er musste letztlich dessen ungeachtet ins Gefängnis.

MARKELOW hatte beim Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation Einspruch gegen die vorzeitige Entlassung BUNDANOWs aus dem Gefängnis eingelegt. BUNDANOW war am 15. Januar 2009, nach Verbüßung von achteinhalb Jahren seiner zehnjährigen Strafe, aus dem Gefängnis entlassen worden. Seine Begnadigung sorgte in Tschetschenien für einen Aufschrei der Empörung.

MARKELOW hatte bei der Pressekonferenz angekündigt, dagegen vor dem Europäischen Menschengerichtshof Beschwerde einzulegen. Am 19. Januar 2009, kurz nachdem er die Konferenz verlassen hatte, wurde MARKELOW im Zentrum Moskaus von einem maskierten Mann mit einer schallgedämpften Waffe in den Kopf geschossen. Er war sofort tot. Anastasia BARBUROWA, eine 25-jährige Journalistikstudentin an der Moskauer Staatsuniversität und Mitarbeiterin der Oppositionszeitung Nowaja Gaseta, versuchte den Killer zu stellen. Sie wurde dabei ebenfalls erschossen und starb noch am gleichen Abend im Krankenhaus.

Beide Morde fanden am helllichten Tage nicht weit vom Kreml statt.

(Konrad HERRFURTH)

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Committee to Protect Journalists über Russland

Das US-amerikanische „Committee to Protect Journalists“ (www.cpj.org) veröffentlicht jährlich Länder- bzw. Regionsberichte und führt eine weltweite Statistik über Journalisten im Gefängnis bzw. solche, die im Zusammenhang mit ihrer Arbeit ermordet wurden:

Neben Ländern wie Algerin, den Philippinen, Indien, der Türkei – und natürlich kriegsbedingt im Irak – gehört auch Russland zu den weltweit gefährlichsten Ländern für Journalisten. Die aktive Karte gibt detailliert Auskunft – weltweit.

Bezogen auf Osteuropa sieht die Anzahl der seit 1992 ermordeteten Journalisten so aus:

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Interview mit Mainat KOURBANOVA

von Erena Paul

Eine ehemalige ‚Freundin’ bzw. Arbeitskollegin, Mainat KOURBANOVA (Mainat ABDULAJEVA), ehemals Korrespondentin der Novaja Gazeta, erzählt uns über Anna POLITKOVSKAJA. Mainat KOURBANOVA (Mainat ABDULAJEVA) lebt zur Zeit in Deutschland.

vsvet (ansTageslicht.de): Mainat, es ist aus den Medien bekannt, dass Sie und Anna POLITKOVSKAJA bei der selben Zeitung arbeiteten und die ganze Zeit gute Freundinnen waren?

Ich kann leider nicht sagen, dass wir gute Freundinnen waren. Soweit ich weiß, hatte Anna keine Freunde unter Journalisten. Ihre besten Freundinnen waren Frauen, mit denen sie zusammen studierte oder mit denen sie das ganze Leben bekannt war. Es wäre für mich eine große Ehre, ihre Freundin genannt zu werden, aber wir waren gute Bekannte seit der Zeit als ich bei der Novaja Gazeta im Februar 2000 anfing. Wir trafen uns sehr oft in Moskau, Tschetschenien und Inguschetien unter unterschiedlichen Umständen.

vsvet (ansTageslicht.de): Könnten Sie uns erzählen, was für eine Persönlichkeit Anna POLITKOVSKAJA war?Hatte sie irgendwelche Ängste oder Träume? Was waren die Auslöser der Dinge, die sie gemacht hatte und die letztendlich zum traurigen Ende führten?

Zum ersten Mal habe ich POLITKOVSKAJA im Oktober 1999 getroffen. Damals wurde die Tschetschenische Republik bereits von den Russen okkupiert und man durfte weder nach Tschetschenien einreisen noch ausreisen. Die Flüchtlinge, die versucht hatten, das Territorium zu verlassen, wurden von der Luftarmee bomdardiert. Genau in dieser Zeit war ich nach Inguschetien gereist und konnte nun nicht in Tschetschenien zurück. An diesen unruhigen Tagen haben sich Tausende von Menschen zusammengedrängt: einige wollten Tschetschenien verlassen, die anderen nach Tschetschenien hinein. Selbstverständlich waren an der Grenze ganz viele Reporter, Journalisten sowohl aus Russland als auch aus dem Ausland.

Plötzlich habe ich eine Frau gesehen, die sehr aufmerksam den Flüchtlingen zuhörte. Die Menschen, die einen Kreis um sie gebildet haben, waren sehr aufgeregt und unruhig, da ein russischer Journalist – oder einfach „Russen“ – für sie oft die Verkörperung von Kriegmaschinerie oder Macht darstellten. Es war deutlich zu sehen, dass die Frau noch jung war, aber ihre Haare waren bereits grauweiß. Mich hatte die Aufmerksamkeit der Frau regelrecht erschüttert, ihr Gesichtsausdruck, mit dem sie den Menschen zuhörte. Es gibt Gesichter, in denen du gar nichts siehst und es gibt Gesichter, die zeigen Charakter, Schicksal und starken Willen. Genau so ein Gesicht hatte Anna. Unser nächstes Treffen fand in der Redaktion der Novaja Gazeta statt.

Aus Annas Publikationen war zu sehen, wie stark sie wirklich war, weil nur wenige konnten immer wieder und wieder nach Tschetschenien gehen – eben wegen der Bedrohungen und Verfolgungen, Beleidigungen und schmutzigen Veröffentlichungen, die von den Kremlhörigen Massenmedien veröffentlicht wurden. Nur ein starker Mensch, der in seinen Tiefen von der Schuld der Täter überzeugt ist, kann unter solchen Umständen weiter arbeiten.

Wenn ich mich an Anna erinnere, dann denke ich als erstes an ihr helles und gutherziges Lachen. Sie hatte sich nicht vom Tschetschenischen Krieg verbittern lassen. Vor ihrem Arbeitsplatz in der Redaktion standen immer oft viele Menschen, den sie immer versuchte zu helfen. Oft waren es Menschen, die ihre letzte Hoffnung auf die Rechtssprechung verloren hatten. Komischerweise haben mehrere von ihnen ihre Hoffnungen auf Anna POLITKOVSKAJA gesetzt, dass sie über ihre Geschichte schreibt oder wird irgendwann schreiben wird. Anna war für sie eine Person, der man immer vertrauen konnte und die Person, der die Schicksale nicht gleichgültig waren.

Zum Schluss möchte ich sagen, dass Anna als Fachspezialistin, als Kriegsreporterin ehrlich, direkt und hart war. Als Frau war sie ein sehr netter und angenehmer Mensch.

vsvet (ansTageslicht.de): Konnte man Anna POLITKOVSKAJA auch als lebensfreudig bezeichnen?

Ihre Lebensfreudigkeit war von einer besonderen Art, weil es jedem, der so viel vom Tod gesehen hat und der es jeden Tag mit Unglück und Kummer zu tun hat, sehr schwer fällt, lebenslang lebensfreudig zu bleiben. Ein Mensch, der ein solches Leben führt, freut sich auf jeden neuen Tag. Er schätzt das Leben und alle schönen Momente, die ihm das Leben gegeben hat. Ich denke, in den letzten Jahren war es ihr eindeutig klar, dass sie auf der „Spitze des Messers“ ging und sie freute sich über jeden weiteren Tag ihres Lebens. Anna hatte 2 Kinder, die sie sehr liebte, und sie wartete ungeduldig auf die Enkelkinder. Als sie getötet wurde, war ihre Tochter bereits schwanger. Das Mädchen, das nach dem Unglück zur Welt kam, wurde auch Anna genannt.

vsvet (ansTageslicht.de): Es ist bekannt, dass Anna POLITKOVSKAJA in Tschetschenien mehr als 50 Male gewesen war. Waren Sie mit Annaauf einer ihrer Reisen zusammen? Können Sie uns vielleicht über ein „Abenteuer“ erzählen?

Ich arbeitete in Tschetschnien als Korrespondentin der Novaja Gazeta. Deswegen tauchte ich in Moskau selten auf, zwei bis drei Mal im Jahr. Ich und Anna trafen uns bei ihren zahlreichen Besuchen immer nur in Tschetschenien.

Einmal im Jahre 2002, als Anna zufällig in Tschetschenien war, wurde im Achhoj-Martan Gebiet ein Grab mit mehreren Leichen gefunden. Die Regierung hatte natürlich versucht, dies nicht öffentlich zu machen. Trotzdem fuhren wir in diese Siedlung. Die Einwohner haben uns den Ort gezeigt, wo die Leichen mit den auf dem Rücken zusammengebundenen Händen gefunden wurden. Die Toten wurden nach tschetschenischer Tradition in die lokale Moschee gebracht. So wurde es immer gemacht, da es fast immer unmöglich ist, die Leichen zu identifizieren. Die Frauen, die sich dort auf der Suche nach ihren Söhnen oder Verwandten befanden, heulten.

Ich und Anna waren wahrscheinlich die Einzigen, die nicht weinten. Und wenn ich einmal von einem Bekannten gefragt wurde, warum ich nicht weinte, dann antwortete ich, dass wenn ein Kriegsjournalist heult, dann kannst Du gar nicht weiter arbeiten, der Weinkrampf ergreift dich und lähmt deine Willenskraft. Ich weiß nicht, wie es Anna ging, aber ich weinte nachts, weil ich mir sicher war, dass ich eines Tages auf in einer solchen Grube unerkannt aufgefunden würde.

vsvet (ansTageslicht.de): Sie haben bereits die Situation an der Russisch-Tschetschenischen Grenze erwähnt. Es war nicht für jeden Journalisten möglich nach Tschetschenien einzureisen. Man wurde an jedem Kontrollpunkt nach Papieren oder einer Akkreditierung gefragt. Und es war wahrscheinlich nicht immer möglich, die Akkreditierung zu bekommen. Was brauchte denn ein Reporter, um nach Tschetschenien einzudringen?

Als Erstes muss man sagen, es ist lebensgefährlich. Aber wenn ein Mensch wirklich nach Tschetschenien wollte, dann war es immer möglich, sogar in den schweren Zeiten. Der Zeitraum, den ich bereits erwähnt habe, war der Anfang des Krieges, als noch keine aktiven Kriegsoperationen geführt wurden. Die russische Armee hatte nur mit der Okkupierung von Tschetschenien im Ring angefangen. Selbstverständlich wurde Groznyj bereits bombardiert. Die Flüchtlingskolonnen wurden auch bombardiert. Laut Befehl durfte kein Mensch in die Tschetschenische Republik einreisen oder umgekehrt, das Territorium verlassen.

Bis heute ist es offiziell verboten, dass Journalisten ohne staatliche Akkreditierung Tschetschenien besuchen. Aber sogar in den schwersten Zeiten konnten sie die Republik besuchen, wenn sie an jeder Blockstelle bestachen. Damit man es sich besser vorstellen kann, muss man das Niveau der Korruption innerhalb der russischen Armee kenne die in Tschetschenien Ordnung schafft. Nach jedem Kilometer oder zweien befinden sich Blockstellen, an denen man einfach in den Pass 10 bis 20 oder maximal 100 Rubel steckt. Die Kontrollmänner nahmen das Geld raus und wünschten einem „Gute Reise!“ Alle Journalisten, die irgendwann in Tschetschenien waren, wissen es gut.

Damals gab es in der Tschetschenischen Republik weder den Flughafen noch den Eisenbahnbahnhof. Journalisten und auch Anna POLITKOVSKAJA flogen bis Inguschetien. Von dort weiter mit dem Auto. Wenn ein Journalist nicht erkennen lassen wollte, dass er oder sie ein Journalist ist, dann haben sie einfach gesagt, dass man den Pass zuhause vergessen hatte und man gab dierkt in die Hand der Kontrolle 100 Rubel. Das war eine fixe Summe für alle, die ihre Papiere nicht zeigten.

Später wurde Anna POLITKOVSKAJA sehr bekannt in dieser Region. Sie hatte in Tschetschenien bereits viele Freunde. Am Flughafen wurde sie immer von jemandem abgeholt, damit sie selbst kein Bestechungsgeld an den Blockstellen übereichen musste. Für eine bessere Konspiration trug sie wie andere Frauen in Tschetschenien ein Kopftuch. Anna hat immer bei unterschiedlichen Leuten übernachtet und war überhaupt sehr vorsichtig in Tschetschenien. Die Einwohner haben ihr ständig empfohlen, was sie machen sollte und sie folgte den Empfehlungen genau.

vsvet (ansTageslicht.de): Der Name von Anna POLITKOVSKAJA ist ja bekannt in der westlichen Welt. In den europäischen Massenmedien wird ihr Tod als Tod der Demokratie bezeichnet. War Anna in Russland populär? Verbindet man ihren Tod auch mit einer Verletzung der Demokratie in der Russischen Föderation?

Anna POLITKOVSKAJA war sehr bekannt in Russland. Es ist fehlerhaft zu denken, dass sie nur wegen ihrer Arbeit in Tschetschenien populär war. In den letzten Jahren schrieb sie ganz viel über „ die Dedovschina“ (die Schikanierung jüngerer Soldaten durch die Altgedienten Oberen). Sie schrieb auch über Veteranen, über Invalide des Tschetschenischen Kriegs. Nach ihrer Rückkehr werden alle diese Leute nutzlos für den Staat. Sie finden keinen Job, keiner kümmert sich um ihre Rehabilitation in der friedlichen Welt. Der Staat gibt kein Geld für Prothesen. Der Staat hat diese jungen Menschen als Kanonenfutter ausgenutzt und vergessen.

PUTIN sagte einmal in Deutschland, Anna wäre in Russland nicht einflussreich und schon gar nicht populär gewesen. Das stimmt aber nicht. Anna POLITKOVSKAJA erregte viel Hass in den offiziellen Strukturen der Russischen Föderation. Es wurden insgesamt 39 Strafprozesse gegen ihre Publikationen und Veröffentlichungen geführt. Glauben Sie mir, man muss sehr einflussreich sein, bevor sich ein solcher Staat mit einer Person anfängt zu ‚beschäftigen’.

vsvet (ansTageslicht.de): Wurde POLITKOVSKAJA ihrer Meinung nach ein Vorbild für Journalisten?

Es ist offensichtlich, dass sie für viele ein Vorbild war. Seitdem Vladimir PUTIN am Steuer der Macht sitzt, haben sich selbst viele Medien zum Teil oder komplett zensiert. Anna war eine von wenigen, die trotz aller Schwierigkeiten weitermachte. Dort, wo viele aufgegeben haben, weil sie ihren Arbeitsplatz, ihren Wohlstand oder die Familie nicht riskieren wollten, schrieb sie weiter.

Der Fakt, dass sie mehrmals für journalistische Preise nominiert wurde, spricht auch für ihre Person. Sie wurde Preisträgerin des Journalistenverbanda Russlands und erhielt den SCHAROV-Preis. Alle diese Preise werden von Journalisten ausgelobt und verliehen.

Und wenn ihre Kolleginnen und Kollegen selbst aufgehört haben, hatten sie trotzdem großen Respekt vor ihr und ihrer Tätigkeit.

vsvet (ansTageslicht.de): Ist Ihnen etwas über den Ermittlungsstand der Novaja Gazeta bezüglich des Todes von Anna POLITKOVSKAJA bekannt? Beobachten Sie von hier aus die allgemeine Ermittlung des Mordfalls?

Klar beobachte ich die Ermittlung. Die Sache ist nur, dass es sowohl in der westlichen als auch in den russischen Medien zu viele Spekulationen und Provokationen über die Ermittlung zu diesem Thema gibt. Vor einigen Monaten hat die Zeitung Komsomolskaja Pravda mitgeteilt, dass es über einen Satelliten gelungen sei, bestimmte Autokennzeichen zu identifizieren. Zwei Tschetschenen befinden sich bereits hinter Gittern.

Die Position der Novaja Gazeta besteht darin, dass sie über die Ergebnisse in der eigenen Zeitung nicht berichtet. Die vorhandene amtliche Ermittlungsgruppe möchte wirklich zu positiven Ergebnissen kommen und die Mörder und den Auftraggeber finden. Und jede Veröffentlichung in den Medien würde nur der Ermittlung schaden.

Was die selbst geführten Ermittlungen der Novaja Gazeta angeht, so tauschen die Redaktion und die staatliche Ermittlungsgruppe ihre Informationen gegenseitig aus. Es werden insgesamt 2 Versionen geprüft und untersucht.

vsvet (ansTageslicht.de): Glauben Sie daran, dass die Täter gefunden werden oder passiert mit dem Fall POLITKOVSKAJA das Gleiche, wie mit den vielen Dutzenden anderer Journalisten in Russland?

Ich sage ehrlich, ich glaube nicht daran. Ich denke, dass es irgendwann rauskommt und der Täter wird bestraft, aber nicht jetzt oder in der näheren Zukunft. Das ist nicht die Meinung der Novaja Gazeta, sondern meine eigene.

vsvet (ansTageslicht.de): Sie arbeiten zurzeit an Ihrem Erinnerungsbuch. Wird das Buch die Ereignisse des Zweiten Tschetschenischen Kriegs umfassen?

Ja, zum Größtteil sind es Ereignisse des Zweiten Tschetschenischen Kriegs, die ich selbst miterlebt hatte. In diesem Sinne ist das Buch kein Reporter-Buch, sondern eine Sammlung von Essays. Es basiert auf meinen Erinnerungen an die Menschen, die ich kannte und liebte und die im Krieg umgekommen sind oder spurlos verschwunden waren. Das Buch zeigt, wie der Krieg in Tschetschenien durch alle Generationen geht.

vsvet (ansTageslicht.de): Wo wird Ihr Buch veröffentlicht? In Deutschland oder in Russland?

Ich denke in Deutschland. Aber die Frage mit der Veröffentlichung ist noch offen. In Russland eher nicht. Zum einen wegen der Sicherheit meiner Verwandten. Das Problem ist, dass die Straforgane immer deine empfindlichsten Stellen finden und oft sind es die Verwandten und Geliebten.

vsvet (ansTageslicht.de): Haben Sie während Ihres Studiums davon geträumt, Kriegsreporterin zu werden oder wollten Sie über etwas anderes zu schreiben? Zum Beispiel über Kultur, Politik, Wirtschaft…?

Bereits mit 16 habe ich mich in der Journalistik gefunden. Ich schrieb damals über Musik und war Musikkorrespondentin der tschetschenischen Jugendzeitung. Beim Fernsehen moderierte ich ein Autorenprogramm das „Wort“, wo ich mich mit Künstlern, Schriftstellern und anderen Leuten zu verschiedenen Themen unterhalten habe. Und natürlich hatte ich es nie vor, über Kriege zu berichten. Ich wünschte mir im Prinzip zwei Sachen: Schriftstellerin zu werden und viel um die ganze Welt zu reisen. Aber wenn ein Krieg kommt und du als Journalist schweigst, dann ist es die Frage deines Gewissens.

vsvet (ansTageslicht.de): Planen Sie irgendwann in Zukunft über etwas anderes als den Krieg zu schreiben?

Ich denke, es ist nicht mehr möglich. Egal, worüber ich schreibe, sogar wenn es über die Liebe geht, ist es trotzdem über den Krieg. Nachdem ich Tschetschenien verlassen habe, träumte ich überhaupt nicht von den schrecklichen Sachen, die ich dort gesehen hatte. Aber je mehr Zeit vergeht, desto öfters kommen die Greuel des Krieges in meinen Träumen zu mir zurück. Ich glaube, es ist für immer.

vsvet (ansTageslicht.de): Kann man die Situation im heutigen Tschetschenien als friedlich bezeichnen?

Natürlich gibt es dort keinen Frieden. Der Krieg, wie wir ihn kannten, d.h. mit dem Verbrennen von Städten, mit Bombenangriffen und dem Rollen von Selbstfahrlafetten GRAD und URAGAN, gibt es nicht mehr. Die Form des heutigen Krieges ist raffinierter und perverser geworden. D.h. es ist der Krieg der totalen Gewalt und der Angst, die als Folge entsteht. Menschen leben unter solchen Bedingungen und wollen eigentlich nichts anderes als in Ruhe gelassen zu werden.

(EP)

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Pressefreiheit in Russland

von Johannes Ludwig

Pressefreiheit und Meinungsvielfalt lassen sich unterschiedlich messen. Wissenschaftliche Messungen würden z.B. auf die Anzahl von Verlagen oder Tageszeitungen pro 1.000 Einwohner abstellen und diese mit anderen Ländern vergleichen. Oder Fernsehsendungen und Zeitungsberichte inhaltsanalytisch auswerten und zählen, wie oft die Meinung der Regierenden und wie oft (bzw. selten) die Ansichten der Opposition zum Ausdruck kommen.Beides ist in Russland schwierig.Zum einen ist das Land ist riesig. Es zerfällt in eine große Zahl unterschiedlicher Völker, Stämme, Sprachgebiete, Religionen und kulturelle Identitäten. Dies ist ja auch der Hintergrund des Tschetschenienkonfliktes seit Jahrhunderten. Öffentliche Kommunikation und Medien haben in den einzelnen Ländern und Regionen eine teilweise sehr unterschiedliche Funktion.

Im ‚klassischen’ Russland selbst, also jenem Teil, den wir Europa zurechnen und in dem auch Moskau liegt, befindet sich das Land seit 1990 in einem permanenten Umbruch. Vieles, was gestern war, gilt heute nicht mehr. Und da fast alles in ständigem Wechsel begriffen und das ‚neue’ Land wenig strukturiert und dazu auch noch riesengroß ist, haben wir im Westen nicht wirklich einen wirklichkeitsgetreuen Überblick, was dort alles geschieht. Auch deshalb sind Aussagen über dieses und jenes schwierig.

Sicher ist nur, dass auch im europäischen Teil Russlands – bzw. der russischen Förderation, wie sich das Land selbst bezeichnet – auch der allergrößte Teil der russischen Medien anders funktioniert als hier zu Lande oder in anderen westeuropäischen Regionen. Man muss ein wenig die (kleine) Vorgeschichte kennen.

System JELZIN versus System PUTIN

Russland versank nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Reiches (UdSSR: Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken Russlands) 1990 im Chaos. Unter Präsident Bors JELZIN und der Umstellung auf Marktwirtschaft wurden clevere Geschäftemacher zu so genannten Oligarchen, die sich die ehemals volkseigenen Großbetriebe zu eigen machten, Banken gründeten sowie Zeitungen und Fernsehstationen aufkauften. Die wurden zum Sprachrohr ureigener Interessen im politischen Chaos eingesetzt. Da JELZIN ein Mann der Macht war, ließ er die Oligarchen in jeder Hinsicht gewähren, weil sie ihn – zugunsten ihrer eigenen Geschäfte – politisch unterstützten.

Nach JELZIN kam PUTIN und der setzte diesem Spuk der Selbstbedienung ein Ende: die Oligarchen mussten ins Ausland fliehen (z.B. BERESOVSKY) oder wurden via Gerichtsprozess in sibirische Arbeitslager verbannt (z.B. CHODORKOVSKY) – GULAG unter PUTIN. Die großen Betriebe gingen zurück in das Eigentum des Staates und wer sich gegen den Kreml und die Regierenden stellte, hatte (ganz) schlechte Karten.

Auch die Medien, die ehemals im Besitz der Großindustriellen waren, sind nun wieder zum allergrößten Teil Eigentum des Staates. Entweder gehören sie über verschachtelte Konstruktionen zur Firma Gazprom, die Eigentum des russischen Staates ist und dem Einfluß des Kreml unterliegt. Mit den gigantischen Deviseneinnahmen aus dem Verkauf von Gas und Erdöl saniert(e) PUTIN das Land wirtschaftlich.

Oder aber: die Medien, insbesondere die Zeitungen unterstehen direkt den Behörden oder gleich den Gouverneuren in den einzelnen Landesteilen der russischen Förderation (mehr zum Staatsaufbau hier …). Die Gouverneure sind die jeweiligen ‚Landesfürsten’, wurden früher in freien Wahlen bestimmt. Seit PUTIN werden sie direkt vom Kreml eingesetzt: von PUTIN (so z.B. auch in Tschetschenien).

Das System JELZIN liess sich so beschreiben: schwacher Staat und.große Macht der Oligarchen. Für die wirtschaftliche Entwicklung Russlands und seiner Bevölkerung war dies allerdings nicht zum Vorteil – immer mehr Menschen verarmten.

Das System PUTIN funktionert genau andersherum: starker Staat, die Wirtschaft ebenfalls in zentralen Bereichen in den Händen der Regierung, die egoistischen Oligarchen verbannt. Die enormen Einnahmen aus den russischen Exportgeschäften fördern den wirtschaftlichen Aufschwung, den allermeisten Menschen geht es besser als je zuvor. Der Rückhalt PUTIN’s in der Bevölkerung wuchs, weil man erst etwas zu essen braucht, bevor man sich informieren möchte.

Systeme ohne freie Presse

Die Presse bzw. die Pressefreiheit hat von keinem der beiden Systeme profitiert. Seit 1994 haben über 200 Journalisten und Reporter ihre Arbeit mit dem Leben bezahlt: sie wurden entweder ermordet, fanden durch merkwürdige Unfälle den Tod oder sind auf myseriöse Weise verschwunden. Das letzte Opfer war Anna POLITKOVSKAJA – sie wurde (symbolträchtig?) am 7.Oktober 2006, am Tag von PUTIN’s Geburtstag, vor ihrer Wohnungstür mit mehreren Schüssen niedergestreckt.

PUTIN, den der Ex-Bundeskanzler und Duz-Freund Gerhard SCHRÖDER auch heute noch für einen „lupenreinen Demokraten“ hält, fürchtet sich ganz offensichtlich vor Meinungsvielfalt und Pressefreiheit. Deswegen sind alle Fernsehstationen direkt oder indirekt unter staatlichem Einfluss, fast alle großen und wichtigen Zeitungen in der Hand des Staates, ebenso der Hörfunk.

Die Anzahl jener Medien, die eine gewisse Größe und publizistische Bedeutung haben und die frei und unabhängig agieren, lassen sich an weniger als fünf Finger einer Hand abzählen. Dazu gehört z.B. die Novaja Gazeta, über die wir hier einige Informationen zusammengestellt haben. Oder die Hörfunkstation Echo Moskwy, die zu einem Drittel den dort arbeitenden Journalisten, zu zwei Dritteln allerdings Gazprom gehört. Dieser Sender hat sich – trotz der Kapitalbeteiligung des staatlichen Gaskonzerns – in seiner Berichterstattung, frei von politischer Einflussnahme, (bisher) halten können. (…) MEHR

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Tschetschenien – der vergessene Krieg

Tschetschenien liegt weit weg – in Kilometern gerechnet und in Einheiten öffentlicher Wahrnehmung. Obwohl in einigen Zeitungen ab und an Meldungen aus dem fernen Land auftauchen.

Im April 2007 gab es wieder meldenswerte Neuigkeiten: Ramsan KADYROV (KADYROW), Amateurboxer und Anführer der so genannten Kadyrowzy, einer schwerbewaffneten privaten Söldnertruppe, und Sohn des 2004 bei einer Bombenexplosion umgekommenen Präsidenten von Tschetschenien Achmad KADYROV, wurde nun selbst Präsident – er war Wladimir PUTIN’s (einziger) Kandidat, und so war es dann auch gekommen. Bis dahin hatte er sich um den „Aufbau“ des Landes verdient gemacht und bekam von Russlands Präsident PUTIN den Orden „Held Russlands“ verliehen – eine hohe Auszeichnung.

KADYROV’s verdienstvoller Job: mit seinen Tausenden von Privatsöldnern Aufständische, d.h. „Terroristen“ zu eliminieren. Als Terrorist gilt, nachdem das Land wieder unter russischer Oberhoheit steht, sprich offiziell unwidersprochen Bestandteil der „Russischen Föderation“ ist, jeder, der ernsthaft von der Unabhängigkeit Tschetscheniens zu träumen wagt.

Offiziell gibt es in Tschetschenien nicht mehr Krieg – auch die beiden Tschetschenienkriege 1994-1995 und 1999-2000 sind offiziell immer für „beendet“ deklariert worden. Tatsächlich aber sind Übergriffe, Entführungen, Mord und Vergewaltigungen, Terror und Einschüchterungen an der Tagesordnung. Dies berichten immer wieder (sehr wenige) Informanten, Menschenrechtsorganisationen und andere parlamentarische Untersuchungskommissionen, sofern sie in das Land hineingelassen werden.

Medien, d.h. Pressevertreter dürfen und können nur mit offizieller Anmeldung und Genehmigung nach Tschetschenien. Alles wird überwacht und streng kontrolliert: der Flughafen, die wenigen Eisenbahnlinien, alle Strassen. Staatliche „Führer“ folgen Medien auf Schritt und Tritt – eine unabhängige Berichterstattung ist nicht möglich.

Trotzdem gibt es immer wieder Journalisten, die es im Dienste der Öffentlichkeit riskieren. Anna POLITKOVSKAJA war eine von ihnen – rund 50 heimliche Recherchereisen hatte sie unternommen und letztlich dafür mit ihrem Leben bezahlt.

Zwei Moskauer Korrespondenten aus Deutschland, Tomas AVENARIUS für die Süddeutsche Zeitung und Florian HASSEL für die Frankfurter Rundschau, hatten sich 2002 zusammengetan, obwohl sie eigentlich ‚Konkurrenten’ waren. Sie sind ebenfalls heimlich und unerkannt nach Tschetschenien gefahren, um von dort – wenigstens zwischendurch mal – authentisch darüber berichten zu können, was dort vor sich geht.

„Der Vergessene Krieg“ – so haben sie ihre Berichte beschrieben, die in Deutschland parallel in der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der Frankfurter Rundschau (FR) zu lesen waren.

Da Tschetschenien auch in unserer Aufmerksamkeit oder Gedächtnis weit weg ist, haben wir – um die Zusammenhänge deutlich zu machen – 2 Chronologien über das Land zusammengestellt: einen kurzen Überblick, in dem nur die allerwichtigsten Informationen ganz knapp enthalten sind, und eine etwas längere Chronologie, die auch ein klein wenig historisch den Ablauf der Ereignisse erklären kann.

Derjenigen, der im Westen das größte Verdienst um Aufklärung gebührt, ist ein ausführliches Portrait gewidmet: Anna POLITKOVSKAJA.

Über die Zeitung, für die sie geschrieben hatte, die Novaja Gazeta in Moskau, wird es künftig Informationen beim Wächterpreis geben. Das kleine, aber unerschrockene Blatt, hat 2007 den Henri-Nannen-Preis für ihr Engagement in Sachen Pressefreiheit zugesprochen bekommen.

Über eine andere Zeitung aus Tschetschenien für Tschetschenien, die sich in den ganzen kriegerischen und politischen Wirren bis heute unabhängig erhalten konnte, werden wir zeitnah ebenso informieren. Die Zeitung publiziert auch in englischer Sprache: Tschetschenskoe bzw. Chechen Society.

Offiziell existieren in Russland demokratische Spielregeln und ebenso amtlich bestätigt herrscht dort Pressefreiheit. Wir stellen einige Informationen zusammen, die dieses Bild ein wenig trüben: Pressefreiheit in Russland.

Dazu gehört – leider – auch eine Liste all der Namen, die im Zusammenhang mit der Berichterstattung aus oder über Tschetschenien ums Leben gekommen sind: Getötete und ermordete Journalisten.

Redaktion Wächterpreis

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